[Juenger-list] [Jünger-Rundbrief] webcritics zu Morats Jünger/Heidegger-Buch

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Fri Aug 31 09:19:54 EDT 2007


Liebe Jünger-Freunde,

ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich die nachstehende Rez. schon über den Rundbriefverteiler geschickt habe, oder nicht.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw

http://www.webcritics.de/page/reviews.php5?id=1286

Matthias Pierre Lubinsky
Von der Tat zur Gelassenheit.

Als Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts Ernst Jüngers Essays »Die totale Mobilmachung« und »Der Arbeiter« erscheinen, sah der Philosoph Martin Heidegger darin unmittelbar den Geist der sich vollendenden Neuzeit. Heidegger, der einige Jahre zuvor als Nachfolger Edmund Husserls nach Freiburg berufen worden war, empfand Ernst Jünger als den »einzigen echten Nachfolger Nietzsches«. In seinen Aufzeichnungen begründet Heidegger seine Jünger-Euphorie: »Ernst Jünger hat als Einziger eine Deutung des ersten Weltkrieges in seinem kriegerischen Wesen vollzogen, die aus den härtesten Erfahrungen des Stoßtruppführers der Materialschlachten entspringt und zugleich im Bezirk derjenigen Metaphysik Fuß faßt, die das Zeitalter bereits und wider sein Wissen bestimmt; das ist Nietzsches Lehre vom ‚Willen zur Macht’. Jünger übersetzt diesen aus der Überlieferung der deutschen Metaphysik seit Leibnitz vorbestimmten Titel durch den unserem Jahrhundert gemäßeren Namen ‚Arbeit’.« Im Januar 1940 ruft Heidegger gar an der Universität einen kleinen Kreis von Kollegen zusammen zu einer »Aussprache über Jünger«. Heidegger und die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger trafen sich in der kritischen Perzeption des technischen Zeitalters. Im Gegensatz zu Heidegger waren die Schriftsteller allerdings sensibler. Spätestens 1930 distanzierte sich Ernst Jünger deutlich von den Nationalsozialisten und tat alles, um den Anschein zu vermeiden, er würde mit dieser Bewegung sympathisieren. Heidegger blieb nicht nur jahrelang an der Seite der Nazis. Er legte in seinem dezisionistischen Überschwang auch Verhaltensweisen an den Tag, die bei den Jüngers undenkbar waren. Daniel Morat untersucht in seiner monumentalen Doktorarbeit »Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920 - 1960« nicht nur das Verhältnis der Drei zueinander, sondern vielmehr deren Entwicklung vom Dezisionismus der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem Rückzug aus der politischen Aktivität. Die Untersuchung ist eine wirkliche Fleißarbeit. Morat hat sich gründlich eingearbeitet und beleuchtet unterschiedliche Themenfelder, die letztlich ein Bild entstehen lassen. Er kennt die Literaturlage und weiß damit souverän umzugehen. Er berücksichtigt neueste Forschungsergebnisse und gewichtet nachvollziehbar. Soviel an Positivem. Zu kritisieren ist, dass Morat letztlich nichts Neues bringt. Die einzelnen Unterkapitel sind informativ, - aber man erfährt nichts, was nicht woanders zu lesen wäre. Das ist die Krux des aktuellen Wissenschaftsbetriebs. Es wird von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten heute nicht mehr verlangt, die Forschung voranzutreiben, Neues erarbeitet zu haben. Die Professoren begnügen sich mangels eigenen Überblicks damit, eine Zusammenfassung des veröffentlichten Forschungsstandes aus leicht gedrehtem Blickwinkel zu erhalten. Morat hat sich ein äußerst spannendes Thema gewählt. Es steht an, sich dieser Frage ausführlich zu widmen. Aber seine Antworten scheinen der Fragestellung nicht ganz gewachsen. Untersucht man die Entwicklung Ernst Jüngers vom bekanntesten nationalistischen Publizisten der Zwischenkriegszeit zum Rückzug aus dem Feld des Politischen, so muss man den Begriff der Désinvolture problematisieren. Was meint Jünger genau damit und welche individuellen Erfahrungen haben ihn dort hinkommen lassen. Morat geht auf Schilderungen Jüngers in seinen Kriegstagebüchern ein, ist aber nicht in der Lage, diese substantiell zu reflektieren. Entscheidend in Jüngers Diarien ist auch das Weggelassene. Er schildert nicht den Kriegsverlauf, sondern trifft sich mit französischen Geistesmenschen und Ästheten. Hierzu hätte man bei Morats Themenstellung gern mehr gelesen. Essentiell in diesem Zusammenhang ist die Figur des Dandys. Nikolaus Sombart sah in einer Eloge zum hundertsten Geburtstag Ernst Jüngers diesen als »Dandy im Forsthaus«. Und der Schriftsteller selbst hat in einigen süffisanten Tagebuchäußerungen dargestellt, es sei kein Fehler gewesen, sich als Nationalist, sondern sich überhaupt beteiligt zu haben. An anderer Stelle notiert Jünger, den Dandy kränke mehr, ästhetisch als politisch zu versagen. Jünger hat den Ur-Dandy Beau Brummell ebenso studiert, wie er sich ein Leben lang für den Exzentriker und großartigen Dandy Oscar Wilde interessierte. Diese schmalen Seitenpfade hat Morat nicht gesehen. An mancher Stelle hätte man sich auch ein wenig mehr Differenzierungsvermögen und weniger political correctness gewünscht. Wenn Morat das westliche Nachkriegsdeutschland als »Tätergesellschaft« qualifiziert, so hat er den Anschluss an die Zeitgeschichtsforschung verpasst, die gerade dabei ist, sich aus dem dogmatisch-ideologischen Sumpf zu ziehen.

Als Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts Ernst Jüngers Essays »Die totale Mobilmachung« und »Der Arbeiter« erscheinen, sah der Philosoph Martin Heidegger darin unmittelbar den Geist der sich vollendenden Neuzeit. Heidegger, der einige Jahre zuvor als Nachfolger Edmund Husserls nach Freiburg berufen worden war, empfand Ernst Jünger als den »einzigen echten Nachfolger Nietzsches«. In seinen Aufzeichnungen begründet Heidegger seine Jünger-Euphorie: »Ernst Jünger hat als Einziger eine Deutung des ersten Weltkrieges in seinem kriegerischen Wesen vollzogen, die aus den härtesten Erfahrungen des Stoßtruppführers der Materialschlachten entspringt und zugleich im Bezirk derjenigen Metaphysik Fuß faßt, die das Zeitalter bereits und wider sein Wissen bestimmt; das ist Nietzsches Lehre vom ‚Willen zur Macht’. Jünger übersetzt diesen aus der Überlieferung der deutschen Metaphysik seit Leibnitz vorbestimmten Titel durch den unserem Jahrhundert gemäßeren Namen ‚Arbeit’.« Im Januar 1940 ruft Heidegger gar an der Universität einen kleinen Kreis von Kollegen zusammen zu einer »Aussprache über Jünger«.

Heidegger und die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger trafen sich in der kritischen Perzeption des technischen Zeitalters. Im Gegensatz zu Heidegger waren die Schriftsteller allerdings sensibler. Spätestens 1930 distanzierte sich Ernst Jünger deutlich von den Nationalsozialisten und tat alles, um den Anschein zu vermeiden, er würde mit dieser Bewegung sympathisieren. Heidegger blieb nicht nur jahrelang an der Seite der Nazis. Er legte in seinem dezisionistischen Überschwang auch Verhaltensweisen an den Tag, die bei den Jüngers undenkbar waren.

Daniel Morat untersucht in seiner monumentalen Doktorarbeit »Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920 - 1960« nicht nur das Verhältnis der Drei zueinander, sondern vielmehr deren Entwicklung vom Dezisionismus der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem Rückzug aus der politischen Aktivität.

Die Untersuchung ist eine wirkliche Fleißarbeit. Morat hat sich gründlich eingearbeitet und beleuchtet unterschiedliche Themenfelder, die letztlich ein Bild entstehen lassen. Er kennt die Literaturlage und weiß damit souverän umzugehen. Er berücksichtigt neueste Forschungsergebnisse und gewichtet nachvollziehbar. Soviel an Positivem.

Zu kritisieren ist, dass Morat letztlich nichts Neues bringt. Die einzelnen Unterkapitel sind informativ, - aber man erfährt nichts, was nicht woanders zu lesen wäre. Das ist die Krux des aktuellen Wissenschaftsbetriebs. Es wird von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten heute nicht mehr verlangt, die Forschung voranzutreiben, Neues erarbeitet zu haben. Die Professoren begnügen sich mangels eigenen Überblicks damit, eine Zusammenfassung des veröffentlichten Forschungsstandes aus leicht gedrehtem Blickwinkel zu erhalten.

Morat hat sich ein äußerst spannendes Thema gewählt. Es steht an, sich dieser Frage ausführlich zu widmen. Aber seine Antworten scheinen der Fragestellung nicht ganz gewachsen. Untersucht man die Entwicklung Ernst Jüngers vom bekanntesten nationalistischen Publizisten der Zwischenkriegszeit zum Rückzug aus dem Feld des Politischen, so muss man den Begriff der Désinvolture problematisieren. Was meint Jünger genau damit und welche individuellen Erfahrungen haben ihn dort hinkommen lassen. Morat geht auf Schilderungen Jüngers in seinen Kriegstagebüchern ein, ist aber nicht in der Lage, diese substantiell zu reflektieren. Entscheidend in Jüngers Diarien ist auch das Weggelassene. Er schildert nicht den Kriegsverlauf, sondern trifft sich mit französischen Geistesmenschen und Ästheten. Hierzu hätte man bei Morats Themenstellung gern mehr gelesen.

Essentiell in diesem Zusammenhang ist die Figur des Dandys. Nikolaus Sombart sah in einer Eloge zum hundertsten Geburtstag Ernst Jüngers diesen als »Dandy im Forsthaus«. Und der Schriftsteller selbst hat in einigen süffisanten Tagebuchäußerungen dargestellt, es sei kein Fehler gewesen, sich als Nationalist, sondern sich überhaupt beteiligt zu haben. An anderer Stelle notiert Jünger, den Dandy kränke mehr, ästhetisch als politisch zu versagen. Jünger hat den Ur-Dandy Beau Brummell ebenso studiert, wie er sich ein Leben lang für den Exzentriker und großartigen Dandy Oscar Wilde interessierte. Diese schmalen Seitenpfade hat Morat nicht gesehen.

An mancher Stelle hätte man sich auch ein wenig mehr Differenzierungsvermögen und weniger political correctness gewünscht. Wenn Morat das westliche Nachkriegsdeutschland als »Tätergesellschaft« qualifiziert, so hat er den Anschluss an die Zeitgeschichtsforschung verpasst, die gerade dabei ist, sich aus dem dogmatisch-ideologischen Sumpf zu ziehen.


ISBN 9783835301405
Autor Daniel Morat
Titel Von der Tat zur Gelassenheit.
Verlag Wallstein Verlag
Sprache deutsch
Seiten 592
Erscheinungsjahr 2007
Extras gebundene Ausgabe

geschrieben am 27.07.2007 | 641 Wörter | 4119 Zeichen
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