[Juenger-list] CICERO: Rez. zu Briefwechsel Jünger/Andres
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Apr 24 13:15:46 EDT 2007
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
Cicero, http://www.cicero.de/259.php?kol_id=10303
von Jürgen Busche
Ein überraschender Briefwechsel
Es ist eine Überraschung: der nationalkonservative Schriftsteller Ernst Jünger und der linkskatholische Erzähler Stefan Andres waren durch eine Brieffreundschaft verbunden, die - mit Unterbrechungen 33 Jahre lang währte, bis zum Tod des letzteren. Günther Nicolin, der Herausgeber des Briefwechsels, der jetzt im Verlag Jüngers, Klett-Cotta, erschienen ist, bemerkt dazu, dass hier im Gegensatz zu anderen Briefpartnern, die Freundschaft über all die Zeit hinweg keine Trübung erfahren habe. Das ist richtig, lässt über die Grenzen nachdenken, die beide zur Wahrung des Eigenen gezogen haben werden.
Andres, 31 Jahre alt, schreibt zuerst 1937 an den elf Jahre älteren, um ihm seine Freunde über dessen neueste Bücher zu bekunden, so Blätter und Steine. Er ist einfach glücklich darüber, dass so etwas in Deutschland noch erscheint. Jünger nimmt die Komplimente dankbar entgegen und äußert sich artig über die beigelegten Gedichte, besonders aber über die Novelle El Greco malt den Großinquisitor. Andres hat zu diesem Zeitpunkt schon einiges publiziert, jetzt ist er aber wegen seiner jüdischen Frau in Schwierigkeiten geraten. Er ist nach Italien ausgewichen, dort lebend braucht er nicht Mitglied der Reichschrifttumskammer sein.
Jünger wird gewusst haben, dass der moselländische Andres ein tief katholisch geprägter Autor war. Wie sehr sich Andres über den Jünger der Jahre vor 1933 im klaren war, scheint eine müßige Frage zu sein.
Vom Beginn der Briefpartnerschaft zählt nur die Ablehnung des Zeitgeistes, der gern auch am Stil seiner emsigen Protagonisten nachgewiesen wird. Tatsächlich kann man sagen, dass die beiden wichtigsten Bücher eines intellektuellen Dissenses, die in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur erscheinen konnten und große Beachtung fanden, Andres` El Greco und Jüngers bald darauf herausgekommene Auf den Marmorklippen sind. Jünger wurde wegen seiner Heldentaten als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg geschont. Andres` Werklein hielt die Zensur wohl für ein antikatholisches Pamphlet Die berühmte Novelle Wir sind Utopia erschien 1943 in der Frankfurter Zeitung in Fortsetzung. Jünger hatte zuvor seine Aufzeichnungen über den Frankreichfeldzug herausgebracht. .
Nach Kriegsende hatten beide Schriftsteller persönliche Schicksalsschläge zu verarbeiten, die sie verbanden. Andres, der in Italien Jahre schlimmster Armut durchleben musste, hatte eine Tochter durch Hungertyphus verloren. Jüngers älterer Sohn Ernst war in Italien gefallen und begraben. Bei der Sorge um das Grab konnte Andres vermittelnd helfen. Auch der Wiedereinstieg in literarische Leben, der bei Andres bald stürmisch, bei Jünger eher zögerlich verlief, förderte den Nachrichtenaustausch.
Dann gibt es eine große Lücke. Man hatte sich inzwischen persönlich kennengelernt. Andres war nach Unkel an den Rhein in ein eigenes Haus gezogen. Die Zeiten waren besser geworden. Über die Gründe für das Schweigen kann man vielleicht nur spekulieren. Andres war jetzt der katholische Erfolgsschriftsteller par excellence in einer Zeit, in der das Katholische die junge Bundesrepublik in beispielloser weise bestimmte. Dabei empfand der Autor starkes Unbehagen. So, wie er sich den Neuanfang des Gemeinwesens vorgestellt hatte, vollzog sich der nicht. Es wurden allenthalben die Angehörigen alter Eliten gebraucht und herangezogen. Und deren geistiger Heros wurde mehr und mehr Ernst Jünger ohne etwas dafür zu tun.
Als Gustav Gründgens eine dramatisierte Fassung der Utopia aufführte, saß Jünger in der Premiere was auch damals als Überraschung empfunden wurde. In den 60er Jahren begann der Wind sich wieder zu drehen. Jünger fragt bei Anders devot um Rat, wie er sich verhandlungsmäßig gegenüber seinem Verleger verhalten soll, der seine Werke gesammelt herausbringen will. Andres kann nur .- mag sein, etwas pikiert antworten, ihn habe seine solche Anfrage noch nicht erreicht. Sie sollte ihn auch nicht mehr erreichen. Das Interesse für katholische Literatur ließ nun in Deutschland rapide nach.
Doch dieser Aspekt ihrer Biographien überschattete nicht das Ende ihrer gemeinsamen Geschichte. Andres hatte Deutschland wieder verlassen und nun in Rom Wohnung genommen. In den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Adresse des Mannes, der auch physisch eine repräsentative Erscheinung war, eine der attraktivsten für offizielle und nicht-offizielle Konzilsbesucher. Als Jünger 1967 als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom kam, verkehrten sie miteinander auch gesellschaftlich auf der höchsten Ebene.
Die letzte Pointe, heißt es einmal, schreibt der Tod. Anders starb überraschen 1970, Jünger fast drei Jahrzehnte später. Als man ihn, den über Hundertjährigen zu Grabe trug, wurde bekannt, dass er zuletzt katholisch geworden war. Wenn das eine Überraschung war in welcher Hinsicht? Die Brieffreundschaft mit Stefan Andres liefert dazu ein Datum, kaum eine Erklärung.
Ernst Jünger Stefan Andres, Briefwechsel.
Hgg., kommentiert und mit einem Nachwort von Günther Nicolin,
Klett-Cotta, Stuttgart 2007,
185 Seiten, 21,50 Euro.
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