[Juenger-list] FAZ: Jünger schreibt an Axel Matthes
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Thu May 18 08:31:49 EDT 2006
Liebe Jünger-Freunde,
nachstehendes Jünger-Zitat (Erstdruck?) ist heute in der FAZ abgedruckt. Wenses Urteil über Jünger fiel ablehnend aus; ich habe die Stellen leider gerade nicht zur Hand; in den Tagebüchern äußert Wense sich recht bös' über EJ; EJ über Wense vgl. Siebzig verweht IV, 19. November 1989.
Schöne Grüße rundum, Ihr/Euer TW
Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 36
Lese-Ekstasen
Zum siebzigsten Geburtstag des Verlegers Axel Matthes
Manchmal kann man zur Charakteristik eines Menschen die bündigsten Begriffe bei seinem Gegenpol finden. Georg Lukacs, der ungarische kommunistische Ästhetiker und Philosoph, war gewiß ein Bildungserlebnis ersten Ranges für den jungen Axel Matthes, der im Ostteil Deutschlands aufwuchs. Denn ist nicht Lukacs' Abrechnung mit der deutschen Philosophie, ein voluminöses Werk, das in den fünfziger Jahren unter dem Titel "Die Zerstörung der Vernunft" erschien und sich der Kritik des irrationalistischen Denkens widmete, ein Schlüssel (nur muß man ihn andersherum drehen) für die Publikationsstrategie des 1977 gegründeten Verlags Matthes&Seitz? Ging es nicht bei allem, was Axel Matthes in die Hand nahm, um eine große Wiedergewinnung der irrationalistischen, romantischen oder surrealistischen Elemente des europäischen Denkens und der Kunst?
Von der Gedankenwelt der Revolte der sechziger Jahre ließen sich zwei Linien in die siebziger Jahre ziehen: die eine rational bis rationalistisch-dogmatisch, die andere rauschhaft und ekstatisch, dionysisch. Der produktive Umweg, um dieses philosophische Unternehmen zu legitimieren, führte zunächst nach Frankreich. Louis Aragon, Georges Bataille (in den Übersetzungen von Gerd Bergfleth), Baudrillard und Antonin Artaud konnten erst jetzt in Deutschland ihre Wirkung beginnen, eine Ausgabe der Schriften des Marquis de Sade kam dazu. In den letzten Jahren hat Matthes diskret, aber erkennbar auch für die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam geworben. Sein theologisches Interesse datiert nicht erst von gestern. Schon im Verlag Rogner&Bernhard hatte er die Luther-Bibel herausgebracht, ein großer Bucherfolg.
Vor allem "Der Pfahl", das inzwischen legendäre Jahrbuch des Verlages, wurde zu einem intellektuellen Experimentierfeld allererster Ordnung. Nicht Nietzsche-Philologie, sondern der Geist Nietzsches oder die Benjaminsche Maxime "Immer radikal, niemals konsequent" schienen noch einmal erwacht, das Scharfe und das Tiefe, feindliche Geschwister meist, hörte man hier als Töne eines Akkords: Der Leser fand die feinste, subtilste Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts neben einem traditionalistischen Geist wie Rene Guenon, der die satanischen Geheimnisse der Psychoanalyse ergründen wollte.
Wie viele von Axel Matthes' Entdeckungen möchte man noch nennen - es genüge hier, auf den Nachlaß des Komponisten Jürgen von der Wense hinzuweisen, in dem Zeit und Kosmos zwischen 1917 und 1960 in einer nur den Tagebüchern Ernst Jüngers vergleichbaren Dichte lebendig werden. Und Jünger war es, der an Matthes einmal schrieb: "Ihre Auswahl trifft genau den Weg, auf dem ich mich seit früher Jugend durch die Weltliteratur getastet habe - das wird kein Zufall sein." Heute feiert Axel Matthes seinen siebzigsten Geburtstag. LORENZ JÄGER
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