[Juenger-list] NZZ 29.03.06 über Encke, Augenblicke der Gefahr

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Wed Mar 29 07:58:37 EST 2006


Liebe Jünger-Freunde, 

passend zum heutigen Geburtstag Ernst Jüngers bringt die NZZ eine Rezension zu Julia Enckes "Augenblicke der Gefahr", worin EJ ja eine gewichtige Rolle spielt.

Herzliche Grüße rundum, Ihr / Euer TW



Neue Zürcher Zeitung, 29. März 2006, Ressort Feuilleton 

Ein anderer Materialismus
Julia Encke über den Ersten Weltkrieg und die Sinne

Dass die Entwicklung der Sinne ein Resultat der Menschheitsgeschichte sei, gehört zu den am häufigsten zitierten und vom Marxismus am wenigsten genutzten Intuitionen seines Begründers. «Innerhalb grosser geschichtlicher Zeiträume», schreibt fast ein Jahrhundert nach Marx Walter Benjamin, der so gerne ein Marxist geworden wäre, «verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt, ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt.» Doch eine detaillierte Durchführung von solch aphoristisch formuliertem Programm ist auch im Werk Benjamins nicht zu entdecken.
Interesse an den Sinnen

Worum es gehen sollte (und eigentlich immer noch gehen müsste), das ist – ideengeschichtlich gesehen – die seit der Zeit von Karl Marx auf der Tagesordnung der Wissenschaft stehende Historisierung jenes Materialismus, in dem vor allem französische Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts wie Gassendi, La Mettrie und Diderot die Vertrauenswürdigkeit unserer Bilder von der Welt durch Analysen der menschlichen Sinnesorgane bestätigen wollten. Doch die Historisierung dieses Ansatzes ist dem Marxismus als «historischem Materialismus» nicht gelungen, weil er sich auf soziale und ökonomische Produktionsbedingungen konzentrierte statt auf die Umstände der menschlichen Wahrnehmung. Heute hat die weithin beliebte Medienforschung das Projekt wieder auf ihre Banner geschrieben, ohne freilich bisher – von wenigen eminenten Ausnahmen abgesehen – mit mehr als geistreichen, aber stets zu breiten Pauschalthesen aufzuwarten.

Nun bricht Julia Encke, eine junge Germanistin aus München, den Bann mit einer Untersuchung, welche ihre Inspiration der fotografischen Bebilderung verdankt, mit der Ernst Jünger bis in die dreissiger Jahre immer wieder seine Beschreibungen des Weltkriegs in ihrer rhetorisch-politischen Wirkung verschärft hat. Dicht dokumentierend zeigt Encke, wie das Ereignis des Weltkriegs ein neues Interesse an den Sinnen auslöste, welches die Ordnungen der Faszination durch Dinge und ihre Formen umpolte. Den stärksten Eindruck hinterlässt das zweite Kapitel, in dem die Wirkung der im Grabenkrieg notwendig gewordenen Abhörtechniken in all ihren kulturellen Verästelungen verfolgt wird.

Eine brillante Analyse von Kafkas Erzählung «Der Bau» belegt dann nicht nur überzeugend die aus dem Krieg kommende Genealogie des Themas vom Bewohnen und Kontrollieren eines Rhizoms aus Stollen und unterirdischen Ruheplätzen. Encke deutet auch an, wie das die Philosophie beschäftigende Problem der Trennung von Welt-Wahrnehmung und körperlicher Selbstwahrnehmung hier einen Ursprung und eine Resonanz hat – und zwar in einem «Zischen», welches das im Bau lebende «Tier» beunruhigt. Das Buch endet mit einem kurzen Blick auf den Gaskrieg als eine Lebensgefahr, die sich von den menschlichen Sinnen nicht mehr wahrnehmen liess. Hier könnte der Beginn jener so oft auf Hiroshima zurückgeführten (und sonst hauptsächlich verschwiegenen) Erfahrungs-Prämisse der Gegenwart liegen, nach der alle für unser Leben und Überleben entscheidenden Phänomene – Gene und Enzyme, das Ozonloch so sehr wie das Universum – die Kapazitäten der menschlichen Sinne und wohl auch der menschlichen Imagination überfordern.
Stilistische Eleganz

Ein Archiv von grossenteils überraschenden Texten und Bildern geschickt einsetzend, beschreibt Julia Encke mit Genauigkeit und oft mit stilistischer Eleganz. Sie widersteht der sonst typisch medienwissenschaftlichen Versuchung, vorschnell Beziehungen der Analogie, der Interpretation oder der Allegorie für Phänomene zu postulieren, die verschiedenen Dimensionen der historischen Wirklichkeit angehörten. Statt etwa zu behaupten, dass in Kafkas «Bau» ein kollektives Trauma aus der Weltkriegszeit zur literarischen Allegorie werde, weist sie nach, dass und warum Kafka die ausschlaggebenden militärtechnischen Details kannte. Julia Enckes energiegeladener Geduld verdankt der historische Materialismus dieses Beispiel einer späten Einlösung seines Forschungsprogramms.

Hans Ulrich Gumbrecht

Julia Encke: Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne  1914–1934. Verlag Wilhelm Fink, München 2006. 285 S., Fr. 63.50.



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