[Juenger-list] Deutschlandfunk: Keine Männerfreundschaft - Briefwechsel zwischen Benn und Jünger
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Fri Mar 17 13:40:37 EST 2006
herzliche grüße rundum,tw
POLITISCHE LITERATUR
13.03.2006 · 19:15 Uhr
Keine Männerfreundschaft
Der Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Ernst Jünger
Von Angela Gutzeit
Gottfried Benn und Ernst Jünger waren bedeutende Größen des
deutschen literarischen Lebens. Beide hegten für eine Weile
starke Sympathien für den Nationalsozialismus. So viele
Gemeinsamkeiten sollten für eine Männerfreundschaft
eigentlich reichen, doch Jünger bemühte sich vergeblich um
Benns ernsthafte Zuwendung. Zum ersten Mal ist der
Briefwechsel der beiden Dichter aus den Jahren 1949 bis 1956
nachzulesen.
"Basel, 17.1.52
Lieber Herr Benn, Wie ich durch hiesige Freunde höre, sind Sie
demnächst in Basel zu erwarten. Da ich etwa vier Wochen hier
bleiben werde, hoffe ich, bei dieser Gelegenheit Ihre
Bekanntschaft machen zu können. Sollten Sie später kommen,
bitte ich Sie, den Weg über Wilflingen zu nehmen. Meine Baseler
Adresse steht auf der Rückseite.
Mit herzlichem Gruß
Ihr Ernst Jünger"
Es hat wenig genützt - das intensive Werben Ernst Jüngers um
den neun Jahre älteren Gottfried Benn. Da kamen Einladungen,
aber der in Berlin beheimatete Dichter und Mediziner Benn
wählte während seiner gelegentlichen Reisen gekonnt den
Umweg und in seinen Antwortbriefen geschickt die rhetorischen
Leerformeln.
"16.III.52
Lieber Herr Jünger, vielen Dank für Ihre Karte aus Basel. Leider
konnte ich nicht kommen, da diese Reise gekoppelt war -
finanziell - an eine Konferenz in Genf, wo eine Tagung der
Internationalen Jury für die Verteilung des Europäischen
Literatur-Preises 1953 stattfinden sollte, aber im letzten
Augenblick abgesagt wurde."
Oder im März 1954. Da heißt es in einem Benn-Brief an Jünger:
"Ich war jetzt in Ihrer Nähe, fand aber auf den Karten nur ein
Riedlingen, das an der Donau liegt, ist das Ihr Riedlingen?
Anscheinend ein größerer Ort, mir ist die Gegend völlig fremd,
und ich konnte Sie nicht lokalisieren."
Das ist eher unwahrscheinlich. Tatsache ist: Gottfried Benn hat
die Nähe von Ernst Jünger keineswegs gesucht. Trotzdem
haben sie sich sechs Jahre lang, von Ende 1949 bis 1956, also
bis zu Benns Tod, ungefähr 50 Briefe, Telegramme, Postkarten
und Widmungsexemplare geschickt. Wer sich mit Benn und
Jünger niemals beschäftigt hat, das sei gleich vorweg gesagt,
der wird mit diesem Buch nicht glücklich. Und zwar aus zwei
Gründen. Zum einen: Der Briefwechsel ist das Dokument einer
konsequenten Verweigerung eines intellektuellen Austausches -
wenigstens von Benns Seite aus. Zweitens: Holger Hof, der
unter anderem auch Herausgeber zweier Bände der Stuttgarter
Werkausgabe Benns ist, hat zwar im Anhang des Buches
reichlich aufklärende Informationen zu den Briefinhalten
geliefert, aber in seinem Nachwort schreibt er unter anderem
einen Satz, der in seiner Konsequenz dieser Publikation nicht
gut bekommt.:
"Das Leben und das literarische Wirken der zum
Antidemokratischen neigenden Zeitgenossen Benn und Jünger
lädt zu allerhand politisch-weltanschaulichen, zu
poetologischen, aber auch zu biografischen Vergleichen ein,
denen jedoch an dieser Stelle ausführlich nicht weiter
nachgegangen werden soll."
Wahrscheinlich aber kann anders die Frage nicht beantwortet
werden, warum diese beiden radikalen Autoren, angesiedelt am
konservativ-kulturpessimistischen Rand der literarischen
Moderne des 20. Jahrhunderts, nicht ins Gespräch kamen,
obwohl sie sich schrieben.
Aber zunächst einmal - was teilten sie sich eigentlich mit -
abgesehen von den "Guten Wünschen zum Geburtstag", der
"Empfehlung an die verehrte Gattin" oder dem Dank für die
Zusendung eines Gedichts oder der jüngsten Veröffentlichung?
Dem Briefwechsel vorangestellt ist ein Schreiben von Armin
Mohler vom Dezember 1949 an Gottfried Benn. Der Schweizer
Schriftsteller und Journalist war bis 1953 Jüngers Sekretär und
schreibt offensichtlich im Auftrage Jüngers, aber auch aus
eigenem Interesse. Er erwähnt, dass Jünger schon einmal in
den 20er Jahren versucht habe, Kontakt aufzunehmen, sein Brief
aber nicht beantwortet worden sei. Dann sucht Mohler den
Ansatzpunkt, indem er seine und Jüngers Bewunderung
ausspricht für Benns frühe Gedichte und Prosa - und im
gleichen Atemzug gesteht, dass er mit Benns aktuellem
lyrischen Schaffen, gemeint sind damit die "Statischen
Gedichte", nicht viel anfangen könne - eine Sichtweise, die auch
Jünger teilt, wie später noch der eine oder andere Brief zum
Ausdruck bringt. Zu vermuten ist, dass Ernst Jünger, der mit
Benn die geistige Herkunft über Nietzsche, den Ekel vor der
Moderne und den Geschichtspessimismus teilt, die Radikalität
in seiner Abwendung von Geschichte und politischer Macht und
seine Verabsolutierung des Kunstwerks als einzig verbliebene
metaphysische Tätigkeit in einer nichtig gewordenen Welt, dass
er dieser Bennschen Unbedingtheit und Gradlinigkeit nicht
folgen konnte oder wollte.
Zurück zum Briefwechsel: Kurz nach der Kontaktaufnahme
Jüngers mit Benn, also noch im Dezember 1949, widmet Benn
seinem Geistesverwandten, mit dem er aber tunlichst nicht
zusammengespannt werden will, ein bezeichnendes Gedicht.
"Herrn Ernst Jünger: Wir sind von außen oft verbunden ,wir sind
von innen meist getrennt, doch teilen wir den Strom, die
Stunden, den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden Dess', das sich
das Jahrhundert nennt. mit ergebenstem Gruß Gottfried Benn"
Kaum etwas ärgert Benn offensichtlich so sehr, wie mit Ernst
Jünger in einem Atemzug genannt zu werden. Dahinter steckt
Konkurrenzdenken, Eitelkeit, aber auch die Haltung des
Überlegenen, des 1951 mit dem Büchner-Preis Geehrten, der
überzeugt ist, dass der, der da um ihn wirbt, nicht in der gleichen
Liga spielt. Holger Hof zitiert im Anhang Benns wenig
schmeichelhafte Äußerungen zu Jünger gegenüber Dritten.
"Mir ist nämlich E. Jünger kein ganz klares Problem, ich finde bei
ihm enorm viel inneren Kitsch, und was er als 'Angriff' gesehn
haben möchte, ist mehr Vorwölbung und Blähung bei ihm als
Front."
"... Katastrophal! Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch und
stillos. Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend.
Manchmal nahe an Erkenntnissen, manchmal vor gewissen
Tiefen stehend, aber nirgends Durchbruch, Haltung, Flammen."
Klare Worte. Trotzdem hat Benn den Jüngeren aufmerksam
beobachtet, seine Briefe und Karten prompt und mit einer
gewissen routinehaften Freundlichkeit beantwortet. Nur ließ er
sich auf nichts ein. Als der mit Drogenräuschen erfahrene
Jünger Benns Essay "Provoziertes Leben" zum Anlass nimmt,
den Dichter zu ärztlich beaufsichtigten Sitzungen mit
Drogenkonsum einzuladen, antwortet Benn, dass er "außer
Cafe und Cigaretten " keine "Stimulantien" brauche. Auch will
sich Benn in der Nachkriegszeit in keine aktuellen Debatten über
Exil, Innere Emigration, Unterstützung für das NS-Regime
einlassen. Seine Abwendung vom Zeitgeschehen
korrespondiert da durchaus mit seiner poetologischen
Radikalisierung.
"Hetzkampagnen", auf die Jünger anspricht, beantwortet Benn
mit einem Selbstzitat:
"Vor längerer Zeit schrieb ich einem Journalisten (...): Über mich
können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war
oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir
werden Sie keine Entgegnung vernehmen. Das ist auch heute
unverändert mein Standpunkt in diesen Fragen."
Der Verdacht liegt nahe: Auch oder gerade mit einem
Schriftstellerkollegen, der ebenfalls der nationalsozialistischen
Ideologie einmal sehr nahe stand, sich aber übrigens früher
wieder davon distanzierte, will Benn keine Debatten führen.
Seinen Standpunkt hat er gefunden und irgendeine Form von
"Kumpanei" ist ihm sowieso zuwider. Bleibt zu sagen, dass es
Ernst Jünger doch noch geschafft hat, den bewunderten Dichter
in seinem Domizil, der Bozener Straße in Berlin, persönlich
kennen zu lernen. Benn lud ihn 1952 mit seiner Frau zu einem
Abendessen ein. Und diesem Treffen verdanken wir
ironischerweise eines der schönsten Kurzporträts, die es über
Gottfried Benn und sein Lebensmilieu überhaupt gibt. Zu Recht
hat Holger Hof diese Passage aus Jüngers Text
"Annäherungen" abschließend in den Briefband aufgenommen.
Ein kleiner Auszug:
"Die Lider des Dichters öffneten sich über den gewölbten Augen
in weichem Schwung der Tauben- oder auch der Eulenfittiche.
Das war der Blick des Träumers, der starke Neigungen entfalten
und Zuneigung erwecken konnte und der auch leidensfähig war.
Zum Leiden musste man ja fähig sein..."
Dieser Briefband bietet viel, wenn man ihn denn zu lesen
versteht. Ein wenig mehr Hilfestellung bei der
geistesgeschichtlichen und ästhetischen Einordnung der
beiden Schriftsteller wäre allerdings dieser bemerkenswerten
Veröffentlichung angemessen gewesen.
Gottfried Benn/Ernst Jünger: Briefwechsel 1949 - 1956
Verlag Klett Cotta, Stuttgart, 2006
156 Seiten
14,50 Euro
--
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