[Juenger-list] FAZ 15.iii. 06 Rezension Jünger - Benn - Briefwechsel
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Wed Mar 15 08:00:49 EST 2006
herzliche grüße rundum, tw
Jünger und Benn
Wir müssen über Mescalin reden
Von Frank Schirrmacher
15. März 2006 Briefe, die ohne Antwort bleiben, nagen am Absender. Warum kommt keine Antwort? Ging der Brief verloren? Wurde man vergessen, verleugnet, verdammt?
Auch dieses Gefühl wird in Zeiten des elektronischen Benachrichtigungsassistenten verschwinden. Bei Ernst Jünger hatte es sich 29 Jahre erhalten. Am 30. November 1949 sendet er Gottfried Benn ein Exemplar seines Romans Heliopolis mit der Einzeichnung: Zweite Botschaft an Gottfried Benn. Die erste vor dreißig Jahren hat ihn nicht erreicht. Wenn Sie kein Monument darin erblicken, so nehmen Sie es als Marmorbruch. Vielleicht sind auch Fossilien darin.
Gottfried Benn
Drei Jahrzehnte Warten, obwohl es unterdessen tausendfach Gelegenheit gegeben hätte, mit dem in der Weimarer Republik immer berühmter werdenden Benn Kontakt aufzunehmen. Der Privatsekretär Armin Mohler fügt, den ominösen Brief erklärend, hinzu: Er muß ihn um 1920 geschrieben haben. Anlaß war: ,Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel / wäre zu weit und litte schon zu sehr', welche Verse er heute noch auswendig weiß. Einen Brief dieser Art schrieb er, später, nur noch an Spengler.
Neue, größere Bedeutung
Ernst Jünger war kein großer Briefschreiber. Die Energie ging in die Tagebücher. Um so bedeutsamer war ihm, was er selbst immer wieder betonte, daß er zeitlebens nur an zwei Autoren aus eigenem Antrieb schrieb: den Verfasser des Untergangs des Abendlands und den damals vierunddreißigjährigen Gottfried Benn. Der verlorene Brief wäre womöglich der substantiellste gewesen - denn das, was sich die beiden Herren schrieben, ist eben die Prosa zweier älterer Herren, Nachrichten über die Gesundheit und Elegien über die Geburtstage (Benn wird 65), über Reisen und Lektüren. Aber, und das ist eben das Faszinierende am Trivialen, diese beiden Gentlemen zählen zu den bedeutenden Geistern der Epoche, wachsen, so scheint es, noch heute zu neuer, größerer Bedeutung heran.
Benn hat 1933 - anders als der hellsichtige Jünger - nicht nur an die Nationalsozialisten geglaubt; er wurde, wie Klaus Mann erbittert vermerkte, die einzige literarisch relevante Stimme, die sich Hitler zur Verfügung stellte. Zwar endete dieses Abenteuer, wie man weiß, schon bald in Ernüchterung und Angst; doch im Jahre 1949, als Jünger und Benn den Kontakt aufnahmen, waren beide Kronzeugen einer sittlichen und auch literarischen Urschuld.
Er hätte ihn vom Irrtum abgehalten
Interessant, daß beide darüber fast niemals reden. Die Verführung, die im Nationalsozialismus lag - bei Jünger war es mit der Sympathie bekanntlich bereits Ende der zwanziger Jahre vorbei - wird von keinem der beiden thematisiert. Benns Satz, über mich können Sie schreiben, daß ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen, galt auch hier: auch bei dem, auf dessen Verstehen er rechnen konnte, blieb er stumm. Es blieb das berühmte Widmungsgedicht an Jünger: Wir sind von außen oft verbunden, / wir sind von innen meist getrennt, / doch teilen wir den Strom, die Stunden / den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden / des, das sich das Jahrhundert nennt. Jünger hat später in seiner typisch verknappenden Art festgestellt, daß er Benn von seinem Irrtum abgehalten hätte, wenn er ihn 1933 konsultiert hätte.
Der Briefwechsel der beiden ist keine Gedankenprosa. Der aktivere, werbendere Teil ist ohne Zweifel Ernst Jünger. Seine Ansichtskarten von der Cote d'Azur mit dem ständigen Drängen, Benn solle doch vorbeikommen, mögen den seßhaften Buddha in seiner Bozener Straße mehr provoziert als gefreut haben. Jünger ist es auch, der Benn für seine berühmten Drogenexperimente mit dem LSD-Erfinder Hofmann gewinnen wollte. Erst ganz behutsam (Wir müssen über Mescalin reden), schließlich ihn direkt zu einer Session einladend (seit langem bin ich der Meinung, daß es sich hier nicht lediglich um literarische Betrachtungen handeln darf, sondern daß praktische Vorstöße nötig sind). Darauf Benns Antwort, auf die der erschreckte Jünger sogleich mit einem Rückzieher reagiert: Darf ich bei der Gelegenheit erwähnen, daß ich selber Drogen weder nehme noch genommen habe?
Benn mochte Jünger nicht
In Wahrheit verhielt es sich so: Gottfried Benn mochte Ernst Jünger nicht. Der verschwundene Brief von 1920, dafür spricht einiges, war gar nicht verschwunden, sondern wurde von Benn einfach nicht beachtet. Wie sonderbar muß ihm diese Kontaktaufnahme vorgekommen sein, in einem Augenblick, als er, anders als 1920, nicht der junge Gott, sondern der verbannte, der gefallene, sogar verachtete Poet war! Benn mißfiel sehr, daß beider Namen stets in einem Atemzug genannt wurden. An Oelze, den einzigen wahren Freund (den er freilich auch zeitweise verdächtigte, mit ihm eine homosexuelle Affäre zu suchen), schreibt er über den Autor der Stahlgewitter: Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch und stillos. Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend.
Darin steckte nicht nur Neid und der Wille zur Ungerechtigkeit; es war auch das völlige Unverständnis für die Lebensform, die der Waldgänger sich gesucht hatte. Nein, sehr viel zu sagen hatten sich die beiden Ausnahmeexistenzen nicht, aber das gerade macht diesen leicht betulichen Briefwechsel so amüsant: der Sportsmann Jünger, der Ratschläge für eine Tänzerin erbittet und Afrika-Expeditionen plant, gegen diesen Bierschaffner Benn, der in seiner kleinen, dunklen Wohnung, die er fast nie verläßt, Gedichte verfaßt, die zum Schönsten und Tiefsten zählen, das in deutscher Sprache geschrieben wurde.
Ein einziges Mal begegnen sie sich. Jünger besucht den schon rein organisatorisch völlig überforderten Benn in seiner Wohnung. An Oelze schreibt er: Groß angekündigt: er käme inkognito usw. War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er aus? Nicht so eitel u. affektiert wie seine Bilder...Wir tranken ganz reichlich u dabei kamen wir uns näher u wurden offen miteinander. Es muß an diesem Abend gewesen sein, daß Rat für Jüngers Tänzerin erteilt wurde. Was es für ein Rat war, werden wir nie erfahren und auch nicht, worum es ging. Was immer wir an Tagebüchern und Briefen versammeln: das, was wirklich zählt, bleibt so ungelesen wie Ernst Jüngers verschwundener Brief.
Gottfried Benn / Ernst Jünger: Briefwechsel 1949-1956. Herausgegeben von Holger Hof. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2006. 154 S., geb., 14,50 Euro.
Text: F.A.Z., 15.03.2006, Nr. 63 / Seite L7
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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