[Juenger-list] Unveröffentlichtes aus den Briefen Jünger-Benn

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Wed Mar 8 16:36:08 EST 2006


schöne grüße rundum, tw




Text: F.A.Z., 09.03.2006, Nr. 58 / Seite 42

Das Gedicht ist ein gewaltiges Mittel der Veränderung
Über Poesie und andere Drogen: Unveröffentlichtes aus dem Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gottfried Benn

19. Dezember 1949

Sehr geehrter Herr Benn,

Heute möchte ich mich nur kurz bedanken für die Übersendung Ihres schönen Aufsatzes über Goethe, der mir bereits bekannt war, denn ich nahm ihn von Schifferli aus Zürich mit und sprach auch in Basel mit Jaspers über ihn. Nun habe ich das durch Ihre Widmung bereicherte Exemplar.

Wie ich der Ansprache des Herrn Becher vor dem sogenannten Kulturbunde ersehe, widmete er darin uns beiden seine gleichermaßen gehässige wie subalterne Aufmerksamkeit. Es beleuchtet den Pen-Club, dass er in ganz Eurasien keinen anderen Praesiden finden konnte, als diesen geistigen KZ-Vorstand.

Mit guten Wünschen für 1950

Ihr Ernst Jünger

26. Dezember 1949

Sehr verehrter Herr Jünger,

meine Handschrift ist sehr schlecht, darum schreibe ich mit der Maschine, obschon ich damit auch keine Glanzleistungen zu Stande bringe. Ich bitte das zu entschuldigen.

Haben Sie vielen Dank für Ihr Schreiben vom 20. XII 49. Was Sie über Herrn B. schreiben, war mir nicht bekannt, aber das ist doch selbstverständlich, mir wäre es peinlich, wenn er anders redete. Wir hier in West-Berlin denken ja über alle diese Dinge noch viel schärfer und auch unversöhnlicher, da wir täglich das vor uns sehn, wofür Herr B. seine Hymnen und Proklamationen vom Stapel lässt. Mich persönlich berühren Angriffe dieser Art seit Langem garnicht mehr. Vor längerer Zeit schreib ich einem Journalisten, der objektiv falsche Angaben über mich in einem Blatt produziert hatte, (nicht meinetwegen, sondern weil er gleichzeitig Loerke und Binding miteinbezogen hatte, die sich nicht mehr wehren können): "über mich können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen -" das ist auch heute unverändert mein Standpunkt in diesen Fragen...

Mit bestem Gruss

Ihr sehr ergebener

Gottfried Benn

20. 9. 51

Lieber Herr Benn,

Recht herzlich danke ich Ihnen für die Übersendung Ihres Vortrages über die Lyrik, den ich gestern abend las. Ich wurde durch die Lektüre stark angeregt, wie immer, wenn ich fühle, daß jemand dicht am Worte ist.

Es bleiben ja immer zeitliche Schächte, in denen der Mensch herumwühlt, bald mehr, bald weniger von der Goldmine entfernt, deren Existenz er ahnt, und deren Strahlungen sich seiner Sprache mitteilen. Warum ist das Gedicht ein so gewaltiges Mittel der Veränderung, als welches es von Ihnen erkannt und beschrieben wird? Doch wohl, weil es am nächsten jener Zone ist, in der das Wort Schöpferkraft besitzt, und der sich die Sprache immer nur annähern, die sich aber nie erweisen wird. Davon gibt das Gedicht eine Vorstellung.

Zu zwei Einzelfragen regte sich bei mir ein Widerspruch: Erstens: Warum soll man nicht Farben anführen? Was wäre denn Trakl ohne seine Skala, die ihm ganz eigentümlich ist. Es kommt doch wohl darauf an, daß auch das Farbwort durchdrungen wird. Zum Klischee kann jedes beliebige andere Wort auch werden. Zweitens: die Philosophen. Ich habe den Eindruck, daß sich die Denker von der Erkenntnis dem Worte zuwenden, wenigstens der Dichter die spiegelbildliche Bewegung vollführt. Soviel in Kürze, um mitzuteilen, daß mich die Lektüre wirklich beschäftigte.

Mit den besten Wünschen

Ihr Ernst Jünger

14 b Wilflingen über Riedlingen

17. XI. 51

Lieber Herr Benn,

Frau Lily v. Schnitzler hatte den guten Gedanken, einige alte Freunde für den 8. und 9. Dezember zu einem Symposion nach Frankfurt zu laden. Es handelt sich um Carl Schmitt, den Sohn des Malers Beckmann (Arzt), den Bischof Oberheid und mich. Es wäre schön, wenn Sie teilnehmen könnten...Daneben habe ich noch ein persönliches Anliegen, das ich nur andeute. Es hängt zusammen mit Ihrem Essay "Provoziertes Leben", dessen General-Tendenz ich lebhaft zustimme. Seit langem bin ich der Meinung, daß es sich hier nicht lediglich um literarische Betrachtungen handeln darf, sondern daß praktische Vorstöße nötig sind. Seit über zwei Jahren bin ich mit Basler, Hamburger und Stuttgarter Freunden in eine Reihe von Experimenten eingetreten, die gute Erfolge zeitigten. Ärztlich steht uns dabei der Dr. Frederkring zur Seite, den Keyserling als den besten Psychiater bezeichnete, und pharmakologisch der Dr. Hofmann aus Basel, ein Chemiker von Rang, das sind gewissermaßen die Fachingenieure; die Ziele liegen außerhalb. Vielleicht spüren Sie den Wunsch, sich auch einmal zu beteiligen - das kam mir bei der Lektüre Ihres Essays in den Sinn.

Mit den besten Wünschen

Ihr Ernst Jünger

19 XI 51

Lieber Herr Jünger, haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 17. XI. Ebenso herzlichen Dank für den "Waldgang", mit dem ich mich intensiv beschäftige, u. Ihren Brief in Sachen "Probleme der Lyrik". Auf beides gehe ich wahrscheinlich gesondert ein.

Heute Frankfurt u. die Einladung zu der schönen Frau von Schnitzler, neben der ich 1933 an einem Abendessen sass. Leider werde ich nicht kommen können. Mehrere Gründe: 1) würde ich Sie lieber bei anderer Gelegenheit kennen lernen

2) bin ich kein Salonmatador, schweige meistens und gebe allen anderen recht.

3) kann ich nicht wegen eines Symposion eine so weite Reise machen, meine Bücher bringen trotz aller Aufsätze und Kritiken sehr wenig ein (und der Büchner-Preis soll mir, hoffentlich, ermöglichen, im nächsten Jahr ein paar Wochen frei zu sein). Ich glaube, Ihrem Wunsch zu entsprechen, wenn ich Frau v. Sch. noch einen directen Dank sende.

Ihre Bemerkungen über die Provokationsversuche interessieren mich ungemein. Darf ich Sie auf das Buch von Beringer: Der Mescalinrausch aufmerksam machen, aus der Heidelberger Psych. Klinik, Verlag Jul. Springer, 1921. Darf ich bei der Gelegenheit erwähnen, dass ich selber Drogen weder nehme noch genommen habe (ausser einer kurzen Episode mit Cocain im I. Weltkrieg); es wird das oft von mir angenommen u. behauptet, zu Unrecht, ausser Cafe und Cigaretten brauche ich keine Stimulantien. Auch ein Buch von Levin ist interessant: "Phantastica".

Oft Ihrer gedenkend (auch wenn ich nicht mit Frau Boveri rede)

immer Ihr aufrichtig ergebener

Benn.

21. XI. 51, Wilflingen

Lieber Herr Benn,

Schade, dass ich Sie nicht sehe. Was die Umstände betrifft, so stimme ich Ihnen bei. Ich hätte Sie lieber in Wilflingen. Sie kommen ja wieder einmal nach Westen.

Vielleicht kann ich Sie anlässlich Ihrer Reise auch an einer südlichen Küste sehen. Was Drogen betrifft, so rauche ich nicht einmal Zigaretten. Dafür wirken die grossen Mittel desto stärker..

Herzlich Ihr

Ernst Jünger

29. 12. 55

Lieber Herr Benn,

herzlichen Dank für Ihre Zeilen. Soldat und Autor zu sein ist in fast allen Ländern der Welt angenehmer als in dem unseren. Das wird sich auch 1956 wieder erweisen. Mögen Sie trotzdem viele gute Stunden in diesem Jahr.

Ihr Ernst Jünger

27 III 56.

Lieber Herr Jünger,

wieder ein Jahr vorbei. Ein gutes Jahr für Sie: Bücher schön besprochen, Geld aus Bremen - freut mich sehr für Sie, wünsche Ihnen, dass es so weitergeht. Carpe diem ...

Ich bin seit einiger Zeit leidend, lag lange im Krankenhaus, geht jetzt besser, aber ich krebse so herum. Würde gerne

in den Süden fahren, aber ich müsste soviel Diätregeln befolgen. (Duodenalgeschwür) soviel Medikamente mitnehmen (Rheumatismus), soviel Salbentöpfe einpacken (Ekzem), dass ich mich nicht fortgetraue. Bis in das 70. Jahr konnte ich mit meinem Körper machen, was ich wollte, er parierte u. tat alles, was mir gefiel, plötzlich große Baisse u. die albernen Worte "allergisch" u. "neurovegetativ" nützen mir auch nichts, helfen mir nicht weiter. Aber, wie gesagt, wenn es so lange prima funktionierte, muss man jetzt den Mund halten u. zufrieden sein. Ihnen alles Gute, Grüsse auch von meiner Frau. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Gattin u. frohen Geburtstag am 29. III.

Ihr ergebenster Benn

Montecatini Terme, 12.5.56

Lieber Herr Benn,

hier ein Purgatorium von Montecatini, von der Riviera kommend, entsinne ich mich Ihres festlichen Datums und meines Versäumnisses. Nehmen Sie meine herzlichen Glückwünsche. Bescheren Sie sich und uns allen in einem schönen Garten noch manche reife, milde Frucht.

Ich dachte in diesen Tagen of an das, was Sie mir in Ihrem vorigen Brief geschrieben haben: daß Sie vom 60. zum 70. Jahre von Ihrer Physis alles fordern konnten, was Sie begehrten - demnach stünden mir noch zehn gute Jahre bevor. Aber helas! Es gibt Klippen, die keinem erspart bleiben, es sei denn, die Götter gewähren ihm einen frühen Tod.

Die Riviera - ich komme aus Forte dei Marmi - wird immer unleidlicher. Der schöne, stille Luxus, den sie zuweilen besungen haben, gehört auch schon in die Vergangenheit, gehört den Zeiten D'Annunzios an. Jetzt ist sie ein Autoband geworden: Vor ihm ist eine Schnell-Rotisserie für Motorisierte und dahinter blüht der Nepp. Ich werde jetzt Apulien erforschen, die Djerba-Inseln, den Libanon. Irgendwo finde ich dann die Residenz für die Furien jenes Jahrzehntes, das Ihr Augurium mir verhieß.

Versäumen Sie aber nicht, mir seinerzeit zu berichten, wie man vom 70. bis zum 80. Jahre durch das Leben reist. Erst dann fängt das Alter an - und als ich neulich mit R. A. Schroeder zechte, zweifelte ich selbst diese Grenze an. Grüßen Sie auch die Gattin herzlich von Ihrem

Ernst Jünger



-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG

unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier: 
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html


einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192



More information about the Juenger-list mailing list