[Juenger-list] Wiener Zeitung: Jünger/Hakel/Amanshauser
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Fri Jun 9 13:19:50 EDT 2006
schöne Grüße rundum beim Stand von 3:1 Deutschland-Costa Rica :)
TW
Wiener Zeitung, Freitag, 09. Juni 2006
Korrespondenz über das Durchwurschteln
Von Walter Klier
G erhard Amanshauser (geb. 1928) ist vermutlich der einzige Schriftsteller, mit dem sich Hermann Hakel (1911 1987) nicht überworfen hat. Hakel, Schriftsteller, Poet, Publizist, war, nachdem er der Verfolgung durch die Nazis knapp entkommen war, 1948 nach Österreich zurückgekehrt und brachte sich für den Rest seiner Tage mit Volkshochschulkursen, der Herausgabe von Anthologien und ähnlichem über die Runden. Nebenbei entstand sein streitbares literaturkritisches Werk, das unter dem Titel "Dürre Äste, welkes Gras" vor etlichen Jahren posthum erschien und für ein gewisses Aufsehen sorgte. Das Aufsehen hat sich gelegt, was zu bedauern ist, denn Hakel erweist sich im Rückblick als einer der wenigen scharfen, klaren Geister jener so überaus gemütlichen Zeit, die durch die geistigen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Sechziger Jahre dann letztlich auch nicht weniger gemütlich wurde: statt eines gemütlichen Traditionalismus pflegt man nun einen gemütlichen Avantgardismus.
Hakel schätzte weniges und wenige, doch setzte er sich mit seinen bescheidenen Kräften immer wieder für jene ein, die er für talentiert hielt. Und sein Urteil, das zeigt sich in dem genannten Band, war unbestechlich und hielt der Zeit stand.
Mit Amanshauser, so berichtet dieser, fing es so an: "In einem Anfall von jugendlichem Geltungsbedürfnis hatte ich im Dezember 1950 einen Brief an den berühmten Schriftsteller Ernst Jünger geschrieben, dem ich einige im Zustand geistiger Verwirrung verfasste Gedichte beilegte. Jünger würdigte mich aber trotzdem einer Antwort und riet mir, mich an den jüdischen Schriftsteller Hermann Hakel zu wenden. Ich schrieb also Hakel einen Brief, dem ich vermutlich wieder meine dubiosen Dichtungen beilegte. Hakel, der sich damals mit großem Ernst der jungen Autoren annahm und deshalb noch viel verwirrtere Verse gewohnt sein musste, sandte mir eine freundliche Einladung, ihn zu besuchen." Diese Aufzeichnung ist bereits im Ton des tapferen Sarkasmus geschrieben, der den reifen Amanshauser auszeichnet, und der unschwer erkennen lässt, dass schließlich aus ihm fast dasselbe geworden ist wie aus Hakel ein "Geheimtip", kein leichtes Los für den, den es trifft.
Eher Nebenprodukt als Frucht einer jahrzehntelangen Freundschaft, ist nun die Korrespondenz der beiden erschienen ( "Die taoistische Powidlstimmung der Österreicher" , Bibliothek der Provinz, Weitra 2005, hrsg. von Hans Höller ). Man sollte sie in diesen Schreibakademien, wo neuerdings die heranwachsende Jugend sich Träumen von Glück, Glanz, Ruhm hingibt, als verpflichtende Lektüre einführen. Wie kann man leben, wenn es zu Glück, Glanz, Ruhm nicht reicht, sondern nur zum ewigen Durchwurschteln? Das ist ja der Normalfall im besten Fall. Für den Leser kommen bei so einem Leben oft interessante Lektüren heraus, für den mäßig erfolgreichen Schreibenden bedeutet es hingegen Mühsal und Enttäuschungen. Als Beispiel eine Briefstelle aus 1962 da schreibt Amanshauser: "Von Flora erhielt ich einen Brief, der besagt: er sei noch nicht dazugekommen, meine Sachen zu lesen, doch hätte er an den Diogenes-Verlag geschrieben, sie möchten mir bald Bescheid geben. Er halte es für unwahrscheinlich, dass der Verlag jetzt überhaupt etwas annimmt, da er schon überlastet sei. Du siehst also, dass dabei auf keinen Fall etwas herauskommt. Es kommt nicht darauf an, was man hinschickt, sondern es kommt darauf an, wer es hinschickt, und das ist heute überall so, wenn es sich nicht um etwas handelt, was sogleich als verwertbar erkannt wird und sich in gegebene Schablonen fügt."
Walter Klier , geb. 1955, lebt als Schriftsteller in Innsbruck.
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