[Juenger-list] Martin Mosebach über Jüngers Letzte Worte-Sammlung

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Mon Jun 5 15:43:19 EDT 2006


Text: F.A.Z., 06.06.2006, Nr. 129 / Seite 45


Frau Tod und ihr Karteikasten
Ernst Jüngers Sammlung letzter Worte/Von Martin Mosebach

In Cocteaus Film "Orphee" spielt Juliette Greco den Tod, "Madame la Mort", im engen schwarzen Cocktailkleid, aber trotz ihrer strengen Eleganz eindeutig Bürokratin. Sie hätte einen solchen Karteikasten, wie Ernst Jünger ihn mit den letzten Worten Sterbender besaß, vor sich auf dem leeren Amtstisch stehen haben können, um den eintreffenden Toten deren letzte mit warmem Atem gesprochene Einlassungen vorzuhalten. Der Gerichtscharakter des Übergangs vom Leben zum Tod wird beim Betrachten dieser Karteikarten besonders deutlich. Ein Prozeß liegt vor dem Toten, der im Jenseits kurz ist, im Diesseits aber so lange währt, bis der Tote vergessen ist. Vor dem Strafsenat erhält der Angeklagte die Gelegenheit zu einem Schlußwort. Dann zieht das Gericht sich zur Beratung zurück.

Wer aufgefordert würde, seine letzten Worte vorzubereiten, wie man die "historischen" Worte der auf dem Mond landenden Astronauten vorbereitet hat, stünde vor einer verzweiflungsvollen Aufgabe. Natürlich schwebte einem dann unwillkürlich vor, das ganze Leben irgendwie zusammenfassen zu müssen, eine Pointe daraus zu machen, die letzte Chance unbedingt zu nutzen. Aber wie kann man etwas zusammenfassen, das man nicht kennt? Nichts ist so unbekannt wie das eigene Leben. Die Memoirenschreiber müßten es am besten wissen, wie rätselhaft alle wichtigen Fragen der eigenen Biographie ihnen in Wahrheit geblieben sind. Die römische Kirche hatte stets ein geharnischtes Mißtrauen gegen das Genre der Autobiographie. Wer eine solche aus eigenem Antrieb und nicht auf Befehl eines Ordensoberen oder Beichtvaters geschrieben hatte, konnte lange Zeit nicht heiliggesprochen werden. Jüngers schwieriger Freund Carl Schmitt berührt dies Problem in seinem Glossarium.

Um so verständlicher die Hoffnung, die Worte, die gesprochen werden, wenn der Tod den Sprecher an der Gurgel hält und das Theaterspielen endgültig aus ist, könnten wirklich eine Essenz des nun verfliegenden Lebensstoffs enthalten. Die alte Medizin prüfte, ob noch Leben im Sterbenden sei, indem man ihm einen Spiegel an den Mund hielt, der vom Atem beschlug. Wie mit einem solchen Spiegel scheinen die von Jünger gesammelten letzten Worte eingefangen.

Er selbst war sich darüber klar, daß der Jäger nach der Authentizität auch hier vielfach taube Larven vor sich hat. Letzte Worte werden von den Umstehenden, der Familie, den politischen Freunden, den Schülern geschönt, frisiert, womöglich gar erfunden. Es gibt ein eigenes Genre von Anekdoten, die die Fälschung und die Wahrheit gegenüberstellen, wobei wahrscheinlich beide erfunden sind. Ein schönes Beispiel behandelt den Tod des britischen Königs Georg V. Der englischen Öffentlichkeit wurde mitgeteilt, die letzten Worte Seiner Majestät hätten der Sorge um das Reich gegolten: "How is the empire?" In Wahrheit habe die Königin neben dem schwer Atmenden gestanden und ihn zu beruhigen versucht: "Bald bist du wieder gesund und kannst nach deinem geliebten Bognor fahren!" Bognor regis war der von Georg V. bevorzugte Badeort. "Bugger Bognor", habe der König geflucht und seine Seele ausgehaucht.

Der König gehört damit zu den Sterbenden, die das Sterben im strengen philosophischen Sinn überhaupt nicht erleben, weil sie in ihrem alltäglichen Denk- und Empfindungskreis fest eingeschlossen bleiben. Die Krankheit zum Tode mag sie leiden lassen, aber der Tod selbst erreicht sie erst, wenn der Lebensfaden abgeschnitten wird. Die Verheißung Jesu: "Ihr werdet den Tod nicht schauen", erfüllt sich an ihnen in geradezu grotesker Weise - sie haben ihn tatsächlich nicht kommen sehen. So blieb der berühmte Philologe Ploetz, Verfasser einer französischen Grammatik, bis zum letzten Atemzug seiner Arbeit verhaftet, als er sagte: "Je meurt - man kann aber auch sagen: je me meurt."

Ein weiteres letztes Wort dieser Kategorie sei hier überliefert, weil es sonst verlorengehen würde: In einer Wiener Familie galt die älteste Schwester, Marjorie Kunitzer-Königreich, stets als die gescheiteste, ihre Schwester Fanny als die dümmste. Als Marjorie im Sterben lag und die Familie um sie versammelt war, sagte sie: "Ich seh' nix mehr, ich versteh' nix mehr - ich bin schon fast so blöd wie die Fanny!" "Aber doch nicht wie die Fanny!" protestierte man entrüstet. "Kunststück", hauchte Marjorie und verschied. Bis zum Schluß hatte sie den hochummauerten Garten des Familienrituals nicht verlassen müssen.

Eine zweite Kategorie könnten die Sterbenden oder Todgeweihten bilden, die bewußt Abschied nehmen und womöglich auch noch ein Testament formulieren. Selbstmörder verabschieden sich mitunter sehr beredt, und auch der vor seinem gewaltsamen Ende stehende Politiker findet noch die Kraft für eine letzte Botschaft. Es wird notgedrungen immer eine Anstrengung in solchen in vollem Bewußtsein des Todes gesprochenen und geschriebenen Worten spürbar, in der Ohnmacht noch einmal ein Zeichen des Willens zu setzen, wie das Testament denn auch bezeichnend "Letzter Wille" genannt wird. Ein stolzes Zeichen der Individualität kurz vor deren Auflösung soll aufgepflanzt werden.

Das christliche Konzept rät demgegenüber von jedem Individualismus strikt ab. Das Sterben ist ein Akt der Gleichheit. Schon vor dem Augenblick des Todes tritt der sterbende Katholik in die Reihe der vielen, wie die Toten in der Antike genannt wurden, und spricht: "O Jesu, misericordia!" Ist ein Mensch zugegen, der ihm ein kleines Kreuz an die Lippen halten kann, küßt er es. Mit diesen Worten sind in den letzten Jahrhunderten, vor der Auflösung der religiösen Formen, Hunderttausende gestorben.

Wie ein vorbereiteter bewußter Tod aussehen kann, stellt das Beispiel meiner Urgroßmutter dar, das ich hier, wie Marjories letzte Worte, erzählen möchte, um es noch ein wenig weiterleben zu lassen. Sie stammte aus einer Bierbrauerei, trank aber lieber Wein. Für ihre Sterbestunde hatte sie eine ganz besondere Flasche beiseite gelegt. Ihr überaus pedantischer Sohn, mein Großvater, war eingeweiht. Als sie ihr Ende nahen fühlte, sagte sie, während die Familie ihr Bett umstand: "Ich glaube, es ist Zeit, daß ihr die gute Flasche heraufholt!" Das geschah sofort, und sie hat sogar noch einen Schluck getrunken.

Das war, nach der Kommunion, die sie vorher empfangen hatte, ihr Abschied von der Materie in deren nächst dem Viaticum geisterfülltesten Form. Daß der Plan gelang, hatte freilich eine Ordnung des Lebens zur Voraussetzung, die für sie auch mit vielem Verzicht erkauft war.

So ergreifende Formen der bewußte Abschied vom Leben auch annehmen kann, es gibt eine Kategorie letzter Worte, die in ihrer Bedeutung noch darüber hinausgehen können und die vielleicht auch den passionierten Grenzgänger Jünger am meisten fasziniert haben müßten, obwohl sie in seiner Sammlung nicht vertreten scheinen. Das sind die Worte, die wie mit einem Blick über die Schranke zwischen Leben und Tod gesprochen werden. Es gibt Zustände vor dem Tod, in denen der Sterbende Dinge sieht und weiß, die seinem Alltagsbewußtsein sonst verschlossen waren. Es ist, als sehe er schon in das Land hinüber, das er dabei ist zu betreten. Oder als wende er sich, während er schon den einen Fuß über die Grenze gesetzt hat, noch einmal zurück, in einem sehr fernen Ernst, aber ohne Trauer, in unerreichbarer Objektivität. Viele Sterbende werden von den Toten ihrer Familie abgeholt; sie sehen die Mutter, den Vater, einen lange gestorbenen Bruder still am Fußende ihres Bettes stehen.

In ihren Blicken liegt jetzt eine große Distanz. Sie sehen auf ihre nächsten Verwandten wie auf Fremde. Es ist, als dächten sie zum ersten Mal darüber nach, mit welchen Menschen sie ein Leben lang zusammengewesen sind. Ein ungeheures Staunen liegt auf ihren Mienen. Was sie jetzt sagen, steht auf einem riesigen unsichtbaren Fundament von Voraussetzungen.

Zu verstehen im landläufigen Sinn mag da nicht mehr viel sein. Ein geheimnisvoll neuartiges Nachdenken regiert sie, überwiegend in Ruhe, obwohl auch das Gefühl großer Dringlichkeit entstehen kann. Die letzten Worte meiner Toten waren dieser Art. "Sie ist verwirrt", "er ist verwirrt", sagten dann die Pflegerinnen, aber daß sie nicht verwirrt waren, weiß ich mit Gewißheit, man müßte denn mit Verwirrtheit den Zustand äußerster, feinster, entrücktester Luzidität bezeichnen wollen und damit das Wort seines Inhalts berauben. Man versteht wohl, daß hier nicht der Ort ist, das bei dieser Gelegenheit Mitgeteilte preiszugeben, aber ich werde gewiß bis an mein eigenes Ende daran denken.

Der größte mir bekannte Sterbenskünstler ist zugleich auch ein wahrer Lebenskünstler gewesen, der heilige Franziskus von Assisi. Als es ans Sterben ging, ließ er sich von seinen Brüdern nackt auf den Erdboden legen, in einem letzten Akt der Liebe zur geschaffenen Welt, um als gleichsam Neugeborener auf dem Körper der Mutter zu liegen. Das ganze Menschenschicksal seit Adam und Eva wollte er bis zum Tod mit jeder Pore erleben. Daß viele Sterbende in unbewußtem Zustand noch versuchen, aus dem Bett aufzustehen und mit den Füßen den Boden zu berühren, hat mir ein Pfleger, der viele Menschen hat sterben sehen, bestätigt.

Während ich diese Zeilen auf der Terrasse eines Hauses im marokkanischen Fes schreibe, wird auf der Straße unten mit schnellem Schritt, geradezu rennend, ein in ein grünes Leichentuch gewickelter Toter vorbeigetragen. Seine Träger singen ein stürmisches, kriegerisches Lied. Keine unnötige Zeit darf verstreichen, bis der Tote, der seine letzten Worte vielleicht erst vor wenigen Stunden gesprochen hat, in den neuen Zustand eintreten kann, in die friedliche Erwartung der Auferstehung, ohne zur Heimstatt der Dämonen geworden zu sein, die den Kadaver umlauern. Sie haben auch das unartikulierte letzte Murmeln genau verstanden. Nun gilt es, ihnen davonzulaufen.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, hat zuletzt den Roman "Das Beben" veröffentlicht.

Mit Ernst Jüngers Sammlung letzter Worte beschließen wir unsere Serie zur neuen Marbacher Museumsausstellung. Das Literaturmuseum der Moderne wird heute durch Bundespräsident Köhler eröffnet.




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