[Juenger-list] Borges tötet Jünger
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Jul 18 16:12:42 EDT 2006
schöne grüße rundum, tw
http://www.svz.de/nnn/newsnnn/NNNVermischtes/19.07.06/4063810/4063810.html
Mittwoch, 19. Juli 2006
Theater und Radio in neuer Dimension
Beim Lokalradio Rostock wurde ein Experiment gewagt und gewonnen / Der NNN-Report
Ob eine Idee wirklich gut ist, zeigt sich im Praxistest. Zur Idee: Das Theaterstück mit dem intellektuell schwergewichtigen Titel "Borges tötet Jünger scheinbar ohne Motiv" von Omar Saavedra-Santis, dessen "Don Quixote" am Volkstheater im März Premiere feierte, soll von Schauspielern live im Radio gelesen werden und zwar inklusive der Regieanweisungen, die vom Autor persönlich gesprochen werden.
Nein, ein Hörspiel ist es nicht und auch keine Lesung, so Ella Schlenz, Redakteurin und Gleichstellungsbeauftragte vom Lokal Radio Rostock (Lohro) und Leiterin des Projektes Radio-Theater bei Lohro. Das Besondere am Radio-Theater sei, dass der Autor durch seine aktive Teilnahme in die Wahrnehmung des Publikums rückt.
Entstanden ist die Idee, als Omar Saavedra-Santis am 10. Mai gemeinsam mit Alejandro Quintana dieses Stück im Literaturhaus Rostock las und der Autor öffentlich verkündete: "Ich bin eine Hure und suche einen Freier." Was gemeint war, ist natürlich weit entfernt von obszönen Notwendigkeiten, sondern einzig Ausdruck der verzweifelten Suche nach Umsetzung des Stücks. Bei eben diesem Vorhaben stößt der Autor von Seiten der Verlage auf Gegenwind.
Titel und Text des Stückes seien so anspruchsvoll, dass man wohl befürchtet, nur eine kleine intellektuelle Clique anzusprechen. Dass so etwas vielleicht kein Millionengeschäft verspricht, ist möglich, aber ist es auch wichtig? Für einen Verlag hin und wieder schon, aber da sind ja noch die Theater, die ihre Subventionen gerade deswegen erhalten, damit sie nicht nur nach ökonomischen, sondern auch nach künstlerischen und kulturellen Aspekten handeln können.
Das Publikum saß wie im Seminarraum
Mitarbeiter des Volkstheaters, die sich mit öffentlicher Wirksamkeit beschäftigen, waren sehr skeptisch, ob man dem Publikum zumuten könne, sich auf Grund von Text und Regieanweisungen ein Theaterstück vorzustellen. Wie sich am vorigen Sonntag in den Räumen von Lohro herausstellte, kann man dass sehr wohl. Das Publikum saß in einem provisorisch dekorierten Seminarraum des Senders und schaute auf eine moderne Lautsprecherbox, geschmückt mit einem fünfarmigen Leuchter, der allerdings nur drei Kerzen hielt. Die gläserne Rückwand war mit Zeitungen abgedeckt, und einige winzige Fernseher waren in dem kleinen Raum verteilt.
Eine ganz besondere Form der Ästhetik
Irritation und Skepsis auf den Gesichtern der Gäste, zu denen Prof. Helmuth Lethen und Frau Prof. Ehlers nebst Gatten gehörten. Als das Stück gelesen wurde, konnten die Hörer dies live am Radio verfolgen, und das Publikum im Sender musste sich entscheiden. Über die Monitore konnte man in Überwachungskamera-Ästhetik die Akteure: Omar Saavedra-Santis Autor (als Autor), Alejandro Quintana (Regie) und als Borges, Jürgen Reimer (als Ernst Jünger) und Undine Cornelius (als Mary) und Senorita Fukuzawa beim sprechen/spielen beobachten. Gleichzeitig saß man im Nebenraum, was einem sehr wohl bewusst war, da Startsignale, beispielsweise durch Klopfzeichen, an der Tür gegeben wurden, und man verfolgte das eigentliche Geschehen über ein drittes Medium, nämlich den altarähnlichen Lautsprecher.
"Die ganze Atmosphäre roch nach Arbeit", wie Alejandro Quintana es ausdrückte. Durch die Monitore hatte man das Gefühl, die Künstler bei einer Probe zu erwischen und Anfangs war man froh, wenigstens etwas zum Schauen zu haben. Das Stück erwies sich aber als dermaßen dicht, interessant und unterhaltsam, dass jegliche visuelle Untermalung überflüssig wurde. Die eindringlichen Stimmen der alten Schule transportierten nicht nur das gesprochene Wort, sondern ließen das Theater im Kopf erstehen.
Gemeinsame Erlebniswelt verschiedener Medien
Entgegen aller Unkenrufe, spielte es überhaupt keine Rolle, wenn man die Werke der Protagonisten nicht kannte, denn es handelt sich wie bei jeder Literatur um Fiktion, wie der Autor betonte. Die Handlung und vor allem die punktgenauen Dialoge sprachen für sich. Es wäre wünschenswert, wenn solche Autoren wie Omar Saavedra Santis auch mit solchen Stücken auf der Theaterbühne vertreten wären.
Welche Rückschlüsse nun aus der einen Tatsache, dass Alejandro Quintana an diesem innovativen Projekt teilnimmt und einer anderen Tatsache, nämlich, dass er jüngst eine Wohnung in Rostock gemietet hat, zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen. "RadioTheater" bei Lohro wird in Serie gehen und das nächste Projekt mit Johanna Schall ist schon in Arbeit, so verriet Ella Schlenz noch am Ende des ungemein lohnenden Abends.
Katharina Leppin
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Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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