[Juenger-list] FAZ 13. Juli: über Pscheras Bloy-Buch / Jünger
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Wed Jul 12 12:31:31 EDT 2006
schöne Grüße rundum, TW
Text: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 34
Der spinnt, der Katholik
Gott ist weg, nicht tot: Eine Studie über den Außenseiter Leon Bloy
Leon Bloy ist hierzulande bislang nur innerhalb von kleinen, sich oft elitär gebenden Zirkeln gelesen worden. Das Werk des Franzosen wurde lediglich sporadisch ins Deutsche übersetzt. Die Mehrzahl seiner Bücher ist derzeit, wenn überhaupt, nur in Antiquariaten erhältlich. Die wenigen Liebhaber, die den katholischen Fanatiker dennoch entdeckt haben, preisen ihn um so vehementer. Zu ihnen gehört der Germanist Alexander Pschera, der Bloy eine knappe Studie mit dem mystischen Untertitel "Pilger des Absoluten" gewidmet hat.
Tatsächlich eignen sich nur wenige moderne Autoren so gut zur Heiligenverehrung wie der 1846 geborene Leon Bloy. Er betrachtete sich als Werkzeug Gottes und erscheint heute als Inbegriff des verkannten Hungerleiders, ja als eine Fleischwerdung Hiobs. Zunächst vollkommener Atheist, wurde Bloy im Jahre 1868 Sekretär des Schriftstellers und Kritikers Jules Barbey d'Aurevilly und von diesem zum Katholizismus bekehrt. Wie die Wandlung vor sich ging, ist leider nicht bekannt. Mit dem Übereifer des Konvertiten verkündet der Geläuterte jedenfalls danach: "Alles, was nicht ausschließlich, durch und durch katholisch ist, hat kein anderes Recht, als zu schweigen, und es ist kaum würdig, die Nachttöpfe eines Krankenhauses auszuspülen oder die Latrinen einer deutschen Infanteriekaserne auszukratzen."
Nach der Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg geistert Bloy als verkrachte Existenz durch Paris. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, religiöse und historische Essays, Pamphlete, Briefe und Tagebücher - allesamt Chroniken seines ganz persönlichen Leidens, durchzogen von inbrünstigen Gebeten und maßlosen Haßtiraden auf Journalisten, Schriftsteller, Naturalisten, Symbolisten, Gläubiger, Vermieter, Deutschland, England, Protestanten und laue Katholiken.
In den Zeitungsredaktionen und im Literaturbetrieb macht der Autor sich unmöglich, er beschimpft Emile Zola als "Kretin aus den Pyrenäen" und findet für Alphonse Daudet sogar noch weitaus derbere Schmähungen. Zu Lebzeiten erfolglos, muß er seinen Unterhalt als Bürohilfe erarbeiten oder erbetteln; meistens läuft er sich auf der Suche nach Almosen die Schuhsohlen ab, auch zu Zola. Zugleich prangert Leon Bloy seine heuchlerischen Glaubensbrüder an, die durch mildtätige Gaben ihren Seelenfrieden erkaufen wollen. Sein "esoterischer, überspannter Dogmatismus am Rande der Häresie" (Pschera) entfremdet ihn der Kirche. Am Kloster wird er abgewiesen.
Private Schicksalsschläge vervollständigen das Elend: Bloy missioniert eine Prostituierte. Diese verfällt daraufhin dem Wahnsinn und stirbt in geistiger Umnachtung. Im Jahre 1890 heiratet Bloy die Dänin Jeanne Molbach, nachdem auch diese zum katholischen Glauben übergetreten ist. Zwei Söhne sterben schon als Säuglinge, die Mutter erkrankt lebensbedrohlich. Bis zu seinem Tod im Jahre 1917 bringt es Leon Bloy, der nach eigenen Angaben vor Hunger und Kälte von Visionen heimgesucht wurde, immerhin auf ein sechzehnbändiges Gesamtwerk.
Als Hauptwerk gelten seine Tagebücher und das "Das Heil durch die Juden", eine Schrift gegen den verbreiteten Antisemitismus in der Dritten Republik, die dem Judentum als Werkzeug Gottes eine heilsbringende Rolle für die gesamte Menschheit zuerkennt. "Nicht nötig, hinzuzufügen, daß er Antisemit war", kommentierte der argentinische Bloy-Kenner Jorge Luis Borges diesen Text.
Alexander Pschera versucht nun, den Franzosen vom Ruf eines "katholischen Spinners" zu befreien. Er erkennt in dem Esoteriker eine mögliche "Schlüsselfigur" des Renouveau catholique, hebt ihn unter den Autoren der Gegenmoderne auf den Rang seines Zeitgenossen Friedrich Nietzsche. Beide haben das Werk des anderen wohl kaum wahrgenommen, doch Pschera fördert durch die Gegenüberstellung der zentralen Denkfiguren Nietzsches und Bloys einige interessante spiegelbildliche Entsprechungen zutage. Der Diagnose des Nihilismuskünders "Gott ist tot" steht das "Gott ist abwesend" des Katholiken gegenüber.
Die zwei machen die gleichen Feinde aus: die schwächliche Dekadenz sowie die positivistisch-rationalistischen Platitüden ihrer Zeitgenossen. Beide wollen durch die Zertrümmerung der brüchigen Ordnungsvorstellungen ihrer Epoche zu einem neuen Lebenssinn vorstoßen. "Philosophieren mit dem Hammer", nennt Nietzsche das. Bloy bezeichnet sich als "Entrepreneur de demo-
litions", als Abbruchunternehmer. Ein neuer Mensch soll die künftige Welt vorbereiten. Für den deutschen Philosophen ist es der Übermensch auf der Berghöhe, für den Franzosen der Schmerzensmann im Sturz ins Bodenlose: er selbst.
Bloys Weg ist eine hochmütige Imitatio Christi. Von Gott fordert er möglichst zahlreiche Qualen und Entbehrungen ein. Was ihn darüber hinaus mit Nietzsche verbindet, ist die heroische Akzeptanz des Schicksals, das Verlangen nach ungeheuren Prüfungen seines Willens. Doch während Nietzsche mit seinem Zerstörungswerk die Flucht nach vorne, ins Unbekannte, Unwegsame antritt, wendet Bloy sich zurück: zum Schöpfer, zur Heilsgeschichte, zu monarchistischen und legitimistischen Vorstellungen. Insofern ist der Vergleich des "bekanntesten und des unbekanntesten Augurs der Moderne" (Pschera) aufschlußreich; es stellt sich in diesem Zusammenhang jedoch die Frage, ob man nicht bei anderen Paarungen moderner Denker zu ähnlichen Ergebnissen käme. Der unerwartete Clou der Studie ist die Kontrastierung zweier so ungleicher Bloy-Verehrer wie Ernst Jünger und Heinrich Böll. Beide waren im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldaten in Paris stationiert. Beide lasen dort Bloy. Böll war bereits 1936 als Neunzehnjähriger, angeregt vom "Blut der Armen", Katholik geworden. "Weißt du auch, daß ich unmittelbar durch Leon Bloy gerettet worden bin; durch diesen Mann, den ich am meisten liebe von allen, die je in Europa Bücher geschrieben haben", berichtete er Annemarie Cech. Weil Heinrich Böll nur einen Monat nach dem Tod des Franzosen, im Dezember 1917, geboren wurde, äußerte er sogar den Wunsch, Bloys Biographie durch sein eigenes literarisches Schaffen fortzusetzen.
Der gut zwanzig Jahre ältere Ernst Jünger dagegen wurde von Carl Schmitt auf Leon Bloy aufmerksam gemacht. Während des Nationalsozialismus wandelte er sich vom nihilistischen zum christlich beeinflußten Denker. Vor seinem Tod 1998 konvertierte auch er zum katholischen Glauben. Bloys Motto "Alles ist anbetungswürdig", von Ernst Jünger in seinen Pariser Tagebüchern zitiert, könnte auch dessen Leitspruch sein. Doch bewunderte der Ästhet Jünger den Mystiker Bloy für dessen vulgäre Polemik nur naserümpfend, nannte ihn einen "Zwillingskristall aus Diamant und Kot". Böll ereiferte sich daraufhin in seinem Diarium über diese "kaltschnäuzige Abfertigung" seines Lieblingsautors. Trotzdem, so betont Pschera, war es Ernst Jünger, der Bloy in Deutschland am nachdrücklichsten bekannt gemacht hat.
Allerdings gibt es noch andere Wege zu Leon Bloy als den in dieser Studie aufgezeigten. "Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Historiker der Zukunft in ihm einen Mystiker sehen werden; wir sehen vor allem den unbarmherzigen Pamphletisten und Erfinder von phantastischen Geschichten", schrieb Jorge Luis Borges im Vorwort der "Unliebsamen Geschichten", die er in seiner "Bibliothek von Babel" herausgab. Diese Sammlung Bloyscher Kurzprosa über den Geiz, die Gier und die Skrupellosigkeit der kleinen Leute liest sich wie das Kondensat der bösartigsten Erzählungen etwa eines Guy de Maupassant.
Wenig Scheu vor Bloys Unflat hatte auch Joris Karl Huysmans, neben Auguste Villiers de l'Isle-Adam einer der wenigen Pariser Literaten, die mit dem verfemten Autor befreundet waren. Er hat Bloy die wohl exklusivste und zugleich eine zweischneidige Reverenz erwiesen, indem er ihn in den Bücherschrank seines Herzogs Des Esseintes aufnahm. Der neurotische Dandy aus Huysmans Hohelied der Dekadenz "Gegen den Strich" wählt seine Autoren nach Temperament und nicht nach Vollkommenheit aus, denn nur "die stärksten Gefühlsregungen, die krankhaftesten psychologischen Launen und die übertriebensten Entartungen einer Sprache" reizen ihn. Bezeichnenderweise bevorzugt er vornehmlich exzentrische geistliche Schriftsteller. Die kurze Notiz zu Bloy lautet: "Daher beeilte sich der Katholizismus, aus seinen Zeitungen einen seiner Anhänger zu verbannen, einen begeisterten Pamphletisten, der eine wütende, zugleich preziöse, naive und wilde Sprache schrieb, Leon Bloy."
Dieser beendete allerdings die Freundschaft zu seinem Fürsprecher, als dessen Satanismus-Roman "Tief unten" erschien. Joris Karl Huysmans' anschließende und endgültige Kehre zu einem ebenfalls höchst eigenwilligen Katholizismus ließ Leon Bloy jedoch unbeeindruckt. Angesichts der Nähe ästhetizistischer Autoren zum religiösen Dogmatismus dürfte ihn jedoch mehr mit deren Dekadenz verbinden, als ihm vermutlich lieb war. FELIX JOHANNES KRÖMER
Alexander Pschera: "Leon Bloy". Pilger des Absoluten. Edition Antaios 2006, 135 S., 12,- [Euro].
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