[Juenger-list] Heute in der FAZ: Bernhard Gajek zu Jünger/Ravoux

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Sat Jan 28 06:25:30 EST 2006


Liebe Jünger-Freunde,

nachdem jüngst der schöne Leserbrief von Bernhard Gajek nur in der Online-Version der FAZ war und in der gedruckten Ausgabe fehlte, ist er heute sowohl in der Online-Version als auch in der Printausgabe abgedruckt. 

Schöne Grüße rundum, TW


Text: F.A.Z., 28.01.2006, Nr. 24 / Seite 17

Ad fontes

Felix Johannes Krömers Aufsatz über Ernst Jüngers Tagebücher ("Der Tiger maskiert das Lämmchen", F.A.Z.-Feuilleton vom 3. Januar) dürfte eine anhaltende und fruchtbare Diskussion hervorrufen. Daß diese "literarischen Diarien ... nicht unmittelbar Erlebtes" wiedergeben, war bereits an den aufeinanderfolgenden Druckfassungen abzulesen. Denn an den meisten Schriften hat Jünger immer wieder gefeilt und dies als Recht des Autors verteidigt. Nun aber ist das Signal zum Vergleich der ersten Niederschriften mit dem Erstdruck und den weiteren Redaktionen nicht mehr zu überhören. Was bei der textgenetischen Überprüfung der Tagebücher herauskommt, ist zunächst die Erweiterung und Präzisierung der bisher bekannten Biographie, sodann die Einsicht in die besondere Beschaffenheit von Jüngers veröffentlichten Einträgen. Es gibt freilich genügend Beispiele für derartiges in allen Jahrhunderten.

Das von Krömer exemplarisch geübte Verfahren wäre auch auf die erzählenden, scheinbar tatsächlich autobiographischen Werke anzuwenden - so auf die "Afrikanischen Spiele", die entsprechenden Kapitel in "Annäherungen" oder den "Subtilen Jagden", die Reisetagebücher oder "Siebzig verweht I - V". Fakten und Fiktion gehen hier ebenfalls ein mehrschichtiges Verhältnis ein, und dies entging dem kundigen Leser nicht. 

Krömer beruft sich zu Recht auf Tobias Wimbauers vorzügliches "Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers" (zweite Auflage 2003). Wimbauer hatte dort die "Doctoresse" mitsamt den anderen Decknamen entschlüsselt und anschließend die Vermittlung der Schriftstellerin Umm-el-Banine und Gretha Jüngers Reaktion beschrieben ("Kelche sind Körper". In: Anarch im Widerspruch, Schnellroda 2004). Man braucht kein Psychoanalytiker zu sein, um Ernst Jüngers Erkrankung im Herbst 1942 und Gretha Jüngers frühe und tödliche Krankheit mit alledem in Verbindung zu bringen; ihre Erinnerungen (Gretha von Jeinsen, "Silhouetten. Eigenwillige Betrachtungen", Pfullingen 1955) verdienten eine Neuauflage. Anhand der von Krömer herangezogenen Pariser Tagebücher, aber auch der "Gärten und Straßen" (den Diarien der Jahre 1939 und 1940) konnte man immer schon erkennen, daß und wie der Autor entschlossen formt und ebendadurch Hinweise erzeugt, die auf Probleme wie die Verbindung mit der Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux schließen ließen. Krömer spricht ferner das "wohl berühmteste Jünger-Notat" vom 27. Mai 1944 (nicht 1941) an. Wimbauer verglich in dem genannten Aufsatz die in öffentlichen und amtlichen Verlautbarungen festgehaltenen Fakten mit Jüngers Text und scheint beweisen zu können, daß dieser im zweiten Teil nachträglich fingiert sei, das heißt die Tatsachen bewußt und stilgerecht überschreite. Allerdings ist der Originaleintrag offensichtlich in einem Zuge geschrieben. Die Handschrift läßt keine Pause erkennen zwischen der Schilderung des ersten und zweiten Bombenagriffs auf Paris und dem Satz "... hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand". Das wäre noch zu klären - anhand des Originals, das im Ernst-Jünger-Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach liegt, oder bequemer mit dem herrlichen Band "Dichterhandschriften von Martin Luther bis Sarah Kirsch", den Jochen Meyer 2003 bei Reclam herausbrachte. Viele der dort faksimilierten und erläuterten Manuskripte waren übrigens in der F.A.Z. 2003 innerhalb der Reihe "Wir vom Archiv" vorgestellt worden. Die von alldem beflügelte Bewegung "ad fontes" kann man als Philologe nur begrüßen. Daß dies mit Takt und Achtung vor dem Menschlichen geschehen kann, dafür ist Krömers großer Aufsatz ein schönes Beispiel.
Professor Dr. Bernhard Gajek, Regensburg

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