AW: [Juenger-list] FAZ: Prof. Bernhard Gajek zu Jünger/Ravoux
martin.reichel
martin.reichel at surfeu.de
Thu Jan 26 09:54:49 EST 2006
...l´absence de toute rose.
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Von: juenger-list-bounces at juenger.org
[mailto:juenger-list-bounces at juenger.org] Im Auftrag von Tobias Wimbauer
Gesendet: Donnerstag, 26. Januar 2006 12:06
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Betreff: [Juenger-list] FAZ: Prof. Bernhard Gajek zu Jünger/Ravoux
herzliche grüße rundum, tw
Text: F.A.Z., 26.01.2006, Nr. 22 / Seite 10
Leserbrief
Ad fontes
Felix Johannes Krömers Aufsatz über Ernst Jüngers Tagebücher ("Der Tiger
maskiert das Lämmchen", F.A.Z. vom 3. Januar) dürfte eine anhaltende und
fruchtbare Diskussion hervorrufen. Daß diese "literarischen Diarien ...
nicht unmittelbar Erlebtes" wiedergeben, war bereits an den aufeinander
folgenden Druckfassungen abzulesen. Denn an den meisten Schriften hat
Jünger immer wieder gefeilt und dies als Recht des Autors verteidigt.
Nun aber ist das Signal zum Vergleich der ersten Niederschriften mit dem
Erstdruck und den weiteren Redaktionen nicht mehr zu überhören. Was bei
der textgenetischen Überprüfung der Tagebücher herauskommt, ist zunächst
die Erweiterung und Präzisierung der bisher bekannten Biographie, sodann
die Einsicht in die besondere Beschaffenheit von Jüngers
veröffentlichten Einträgen. Es gibt freilich genügend Beispiele für
derartiges in allen Jahrhunderten.
Das von Krömer exemplarisch geübte Verfahren wäre auch auf die
erzählenden, scheinbar tatsächlich autobiographischen Werke anzuwenden -
so auf die "Afrikanischen Spiele", die entsprechenden Kapitel in
"Annäherungen" oder den "Subtilen Jagden", die Reisetagebücher oder
"Siebzig verweht I-V". Fakten und Fiktion gehen hier ebenfalls ein
mehrschichtiges Verhältnis ein, und dies entging dem kundigen Leser
nicht. Krömer beruft sich zu Recht auf Tobias Wimbauers vorzügliches
"Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers" (Zweite Auflage 2003).
Wimbauer hatte dort die "Doctoresse" mitsamt den anderen Decknamen
entschlüsselt und anschließend die Vermittlung der Schriftstellerin
Umm-el-Banine und Gretha Jüngers Reaktion beschrieben ("Kelche sind
Körper". In: Anarch im Widerspruch, Schnellroda 2004). Man braucht kein
Psychoanalytiker zu sein, um Ernst Jüngers Erkrankung im Herbst 1942 und
Gretha Jüngers frühe und tödliche Krankheit mit alledem in Verbindung zu
bringen; ihre Erinnerungen (Gretha von Jeinsen, "Silhouetten.
Eigenwillige Betrachtungen", Pfullingen 1955) verdienten eine
Neuauflage. Anhand der von Krömer herangezogenen Pariser Tagebücher,
aber auch der "Gärten und Straßen" (den Diarien der Jahre 1939 und 1940)
konnte man immer schon erkennen, daß und wie der Autor entschlossen
formt und eben dadurch Hinweise erzeugt, die auf Probleme wie die
Verbindung mit der Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux schließen ließen.
Krömer spricht ferner das "wohl berühmteste Jünger-Notat" vom 27. Mai
1944 (nicht 1941) an. Wimbauer verglich in dem genannten Aufsatz die in
öffentlichen und amtlichen Verlautbarungen festgehaltenen Fakten mit
Jüngers Text und scheint beweisen zu können, daß dieser im zweiten Teil
nachträglich fingiert sei, das heißt die Tatsachen bewußt und
stilgerecht überschreite. Allerdings ist der Originaleintrag
offensichtlich in einem Zuge geschrieben. Die Handschrift läßt keine
Pause erkennen zwischen der Schilderung des ersten und zweiten
Bombenagriffs auf Paris und dem Satz "... hielt ich ein Glas Burgunder,
in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand". Das wäre noch zu klären -
anhand des Originals, das im Ernst-Jünger-Nachlaß im Deutschen
Literaturarchiv in Marbach liegt, oder bequemer mit dem herrlichen Band
"Dichterhandschriften von Martin Luther bis Sarah Kirsch", den Jochen
Meyer 2003 bei Reclam herausbrachte. Viele der dort faksimilierten und
erläuterten Manuskripte waren übrigens in der F.A.Z. 2003 innerhalb der
Reihe "Wir vom Archiv" vorgestellt worden. Die von all dem beflügelte
Bewegung "ad fontes" kann man als Philologe nur begrüßen. Daß dies mit
Takt und Achtung vor dem Menschlichen geschehen kann, dafür ist Krömers
großer Aufsatz ein schönes Beispiel.
Professor Dr. Bernhard Gajek, Regensburg
--
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