[Juenger-list] FAZ 20.01.06 Albert-Hofmann-Symposion
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Thu Jan 19 14:56:46 EST 2006
Text: F.A.Z., 20.01.2006, Nr. 17 / Seite 34
MARTIN HALTER: Alles ist erleuchtet
Acid Heads: Das Basler Symposion "LSD - Sorgenkind und Wunderdroge"
Unter Acid Heads heißt der unerwünschte Rücksturz in den LSD-Rausch Flashback, unter Fachleuten Symposion. Am Wochenende hatte die Basler Gaia-Media-Stiftung zu einem großen LSD-Kongreß gerufen, und gut 1500 Psychedeliker aus aller Welt waren zur retrospektiven Bewußtseinserweiterung gekommen: Medien und Medienvertreter, alte Hippies mit wallenden Bärten und schütteren Pferdeschwänzchen, junge Freaks mit Sadhu-Zöpfen, Dreadlocks, Batikhemden und quengelnden Kindern. Unter den achtzig Referenten, übrigens fast durchweg Männer, waren neben seriösen Psychiatern, Neuropharmakologen, Ethnobotanikern, Religions- und Kulturwissenschaftlern auch Astrologen, Parapsychologen, Schweizer Schamanen ("Wir reisen, wie wir shoppen gehen") und eine psychonautische Buddhistin aus London. Hoppy Hopkins und Barry Miles, einst Buchhändler und Daytripper der Beatles, waren angereist, weise Mythenforscher und "entheogene" Maler; aus Kalifornien kamen der Künstler Bernd Brummbär mit seinem Dandyhut, die LSD-Bibliothekare Earth und Fire Erowid und natürlich "Dr.Ecstasy", der legendäre achtzigjährige Untergrundchemiker, der immer noch Drogen am Fließband synthetisiert und erprobt.
Das Symposion fand im Saal "San Francisco" statt, aber dies war keine Drogen-Revival-Party, sondern ein Danaergeschenk zum hundertsten Geburtstags von Albert Hofmann. Der Schweizer Bundespräsident hat dem Jubilar ein freundliches Grußtelegramm geschickt, Axel Grey, der Michelangelo unter den psychedelischen Malern, sein neues Werk "St. Albert and the LSD Revelation Revolution" mitgebracht. Während draußen, vor den gut bewachten Pforten der Wahrnehmung, ein Häuflein Scientologen mit dem Transparent "LSD - Erst Stimmung, dann der Psychiater" gegen die Teufelsdroge protestiert, rühmen drinnen beamtenhaft trockene Psychiater der Stanislav-Grof-Schule LSD als Mikroskop des Unbewußten und unverzichtbares Therapeutikum bei Depressionen, posttraumatischen Störungen und Cluster-Kopfschmerzen.
Unterdessen sitzt der Jubilar in rüstiger Frische auf dem Podium und erzählt zum hundertsten Male vom Tag auf dem Fahrrad 1943, als er, 250 Mikrogramm Lysergsäurediäthylamid im Körper, vom Sandoz-Labor nach Hause fuhr, Wahnsinn und Tod fürchtend und am Ende sein Wunder- und Sorgenkind gebärend. Ob er dem "Psychovitamin" sein langes Leben verdanke, will er, der Naturwissenschaftler, mangels Vergleichsreihen nicht entscheiden. Ernst Jünger wurde mit Champagner und kalten Duschen hundertzwei; sein Mitpsychonaut schwört auf rohe Eier und Müsli zum Frühstück.
Der Symposiarch will kein Guru sein; aber der Flower-power-Gedanke ist dem alten Blumenkind und Naturmystiker nicht ganz fremd. LSD heißt für ihn "Liebe sucht dich"; allerdings kann das heilige Kraut des Mutterkorns ohne Rückbindung an sakrale Riten "saumäßig gefährlich" sein. Die Warnung ist hier überflüssig. Das neonkalte Basler Kongreßzentrum ist ein denkbar ungeeignetes Setting. Jünger (dessen Annäherungen an die "Hauskatze" LSD, wie man aus einer Ausstellung im Foyer erfährt, auch Staatsanwälte neugierig machten) übersetzte Learys "Turn on, tune in, drop out" in den abendländisch kultivierten Dreiklang Einschwingen, Fahren, Burgunder und ein "Theatersouper" zum Ausschwingen. Ein lärmender Jahrmarkt des Psychedelischen ist jedenfalls Gift für die Ekstasen ozeanischer Selbstentgrenzung und lustvollen Identitätsverlusts, von denen die Referenten dozieren und raunen. Die beiden Kulturen, die Hofmann noch einmal versöhnte, berühren sich in Basel nur am Rande. Wenn etwa Franz X. Vollenweider vom Heffter Research Center der Zürcher Universitätspsychiatrie die neurobiologischen, molekularchemischen und demnächst auch quantentheoretischen Grundlagen von Transmittern und Rezeptoren erläutert, wenn ein sächselnder Ethnomykologe die Pharmakologie der Zauberpilze erläutert oder Diplompsychologen "staatlich kontrollierte Meditationszentren" und "LSD-Führerscheine" fordern, kann der gewöhnliche Drogenfreak allenfalls höflich interessiert nicken. Das gilt freilich auch für die Diskussionsrunden, in denen Zeitzeugen selig in Erinnerungen schwelgen. Für sie waren die sechziger Jahre das Jahrzehnt, das allen anderen die Schau gestohlen hat, und so erzählen sie jetzt mit feuchten Augen, wie und wo damals die Rakete abging, um - "hey, Mann" - in kosmischen Orgasmen, illuminierten Synapsengewittern und beispiellosen Kreativitätsschüben zu zerplatzen. Benns Wort, potente Gehirne stärkten sich nicht mit Milch, sondern mit Alkaloiden, wird öfter zitiert als beglaubigt.
Günter Amendt war damals auch dabei, hat sich aber eine gesunde Skepsis und soziologische Distanz zum "psychedelischen Brimborium" bewahrt. Mit seiner Forderung nach einer nüchternen Entmystifizierung goß er kaltes Wasser in die brodelnde Lysergsäure: LSD sei ein Pharmaversuch an Menschen, die Droge der weißen Mittelklasse Amerikas, befreiend zwar im Kontext der Jugendrevolte, aber, wenigstens in Europa, kulturell eher marginal und politisch suspekt. Daß LSD im Labor eines Pharmakonzerns synthetisiert, von der CIA als Wahrheitsdroge und Waffe im Kalten Krieg begeistert adoptiert wurde und jeden kleinbürgerlichen Spießer zum erleuchteten Schamanen macht, ficht die psychedelische Gemeinde freilich nicht an. Matthias Bröckers, ein Verfechter des Rechts auf Rausch, gibt zu bedenken, daß auch Computer und Internet von Drogenfreaks erfunden und vom militärisch-industriellen Komplex enteignet wurden. Der Techno-Erweckungsprediger Hans Cousto fordert, Drogenkriminelle als Kriegsgefangene im "War on Drugs" anzuerkennen.
In ihrem kosmischen Gassenhauer "Tomorrow Never Knows" prophezeiten die Beatles dem LSD eine große Zukunft: Gingen nur alle Politiker einmal auf den Trip, tönte Paul McCartney, hätten Krieg, Unterdrückung und Armut rasch ein Ende. Der Traum hat sich bekanntlich nicht erfüllt. LSD ist heute ein Auslaufmodell, und alle "Basler Appelle" zu seiner "Entdämonisierung" und therapeutischen Rehabilitierung werden daran nichts ändern. Die natürliche und die synthetische Seite der chemisch induzierten Mystik sind schmerzhaft auseinandergetreten, und vor allem fordert LSD einfach zuviel Zurüstungen, Zeit und Hippie-Geduld, um mit den schnelleren, smarteren Kicks der Designerdrogen oder des Kokains mithalten zu können. Die Atombombe des Geistes ist spätestens mit diesem Symposion ins Museum der Rauschdrogen abgewandert, wo bereits Meskalin, Psilocybin und andere alte Zauberpilze vor sich hin modern.
Nicht zufällig sind die meisten Acid Heads nicht mehr psychoaktiv, sondern als Archivare, Museumswärter, Schriftsteller und Historiker mit der Verwaltung ihrer Drogenerfahrungen beschäftigt. "LSD gehört in die Natur, nicht in die Fabrik", sagt auch Hofmann. Aber es bedurfte schon einer esoterischen Schweizer Stiftung, um ein Sandoz-Medikament dem keltischen "Spirit von Basel" und seinen Erfinder dem "humanistisch-alchimistischen" Genius loci von Erasmus und Paracelsus einzuverleiben.
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