[Juenger-list] Süddeutsche Zeitung über den Albert-Hofmann Kongress in Basel
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Jan 17 06:10:39 EST 2006
Süddeutsche Zeitung v. 17.01.2006
LSD-Kongress in Basel
Kinners, mir wird so blümerant
Atombombe für den Geist und drei Buchstaben mit Überbau: Ein LSD-Symposium in Basel feiert den Drogen-Erfinder Albert Hofmann. Der ist inzwischen 100 Jahre alt, war selber da und nennt seine Substanz ein "Wunder". Applaus.
Von ALEX RÜHLE
Basel, ein guter Ort für ein solches Symposium. Hier wurde vor zwölf Jahren das fortschrittlichste Drogenprojekt in ganz Europa gestartet (auch wenn es dann bald stecken blieb).
Hier sitzt die Firma Sandoz (auch wenn sie mittlerweile zu Novartis gehört). Und hier fand seinerzeit der bicycle trip statt, Albert Hofmanns furiose Heimfahrt auf dem Fahrrad, nachdem er in seinem Labor aus Versehen mit Lysergsäurediäthylamid in Berührung gekommen war und ja, wie sagt man das jetzt? Die Allverbundenheit erleben durfte? Eine neurochemische Informationsverarbeitungsstörung mit beeindruckenden Folgeerscheinungen erlebte? Er selbst sagte am Sonntag auf dem Podium des Kongresszentrums schlicht: Ein Wunder. Applaus.
Vergangenen Mittwoch wurde Albert Hofmann hundert Jahre alt. Ihm und der von ihm entdeckten Substanz zu Ehren veranstaltete die Gaia Media Stiftung ein dreitägiges Symposium, auf dem sich Ethnobotaniker und batikbärtige Trancetänzer aus längst untergegangen geglaubten Soziotopen, aber auch beinharte Chemiker, Pharmakologen und Wissenschaftshistoriker über LSD Sorgenkind und Wunderdroge unterhielten.
Albert Hofmann und seine Verehrer, das ist ein heftiger clash of civilizations. Als Hofmann vor einigen Jahren als Gast der Schweizerischen Rundfunks in die Sendung Musik für einen Gast geladen wurde, hatte er ausnahmslos Mozartkompositionen dabei. Im Basler Kongresszentrum sind zu hören: Schamanentrommeln; ein wässriger Aufguss von Keith Jarrett, vorgetragen von einem Heidelberger Chefarzt, der damit die Elemente Erde und Luft zum Ausdruck bringen möchte; und heftige Undergroundmusik aus den Sechzigern, damals, als Hofmann die Kontrolle über seine Entdeckung verlor und LSD zum ideologisch überhöhten Allheilmittel einer ganzen Generation und zum Schreckgespenst für deren Eltern wurde.
Eine der größten Ängste bezüglich LSD betrifft das Hängenbleiben, die hallucinogen persisting perception disorder, bei der der Konsument nicht mehr von seinem Trip zurückkommt.
Die kulturgeschichtlichen Vorträge in Basel zeigten auf geradezu beklemmende Weise, dass viele Referenten irgendwo in den sechziger Jahren hängengeblieben sind. Man ist einander dankbar für das Gesagte, rekurriert grundsätzlich mit Vornamen aufeinander und bestätigt einander in dem Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein. Der Huxley-Herausgeber Michael Horowitz holt den uralten Stiefel raus, dass 1943 auch die Atombombe entwickelt wurde, und LSD ist ja die Atombombe für den Geist. Dass man sich ansonsten gerne pazifistisch gibt, tut dem Sexappeal dieses Vergleiches anscheinend immer noch keinen Abbruch. Horowitz geht noch weiter in seiner geschichtlichen Analogie: Einen Tag nach der Erfindung brach der Aufstand im Warschauer Ghetto los. Und das war ja auch ein Aufbruch. Die Kunsthistorikerin Claudia Müller-Ebeling beklagte in ihrem Vortrag über das Verhältnis von LSD und Kreativität, dass nur Künstler, die Neues schaffen, auf dem Markt zur Geltung kämen, wohingegen Künstler, die etwas aufgreifen, was schon da war, ungerechterweise stigmatisiert werden. Was das offenste Eingeständnis der geradezu reaktionären Einfallslosigkeit vieler Beteiligter war. Der Amerikaner Alex Grey lieferte in seinem Lichtbildvortrag über LSD und Kunst dann umgehend den Beweis dafür, dass die Museen gut daran tun, das ganze Zeug nicht auszustellen: Die meisten der gezeigten Bilder waren nichts als computergenerierte Tapetenmuster, fraktale Bildschirmschoner, die sich um die eigene Leere drehen.
Auch ähnelten die kulturgeschichtlichen Vorträge eher der Geheimkongregation einer verfolgten religiösen Sekte in Wohnpullis, deren Trinität Albert Hofmann, Timothy Leary und LSD heißen. Im Reden der Teilnehmer wird die psychoaktive Substanz immer wieder zum handelnden, denkenden Subjekt. Das LSD ist ein Verbündeter, der mich führt, der sich auskennt im nachtschwarzen Nichts. Er holt mich ab bei meinem stärksten Gefühl, er ist keine Substanz, sondern ein Wesen, raunte etwa der Schamane und Psychotherapeut Carlo Zumstein. Diese rhetorische Subjektivierung des LSD geht auf den Naturmystiker Hofmann selbst zurück, der nicht müde wird zu betonen, dass ihn das LSD gerufen habe. Am Abschlusstag des Symposiums sagte er: Das LSD ist zu mir gekommen. Es dachte: Die untersuchen das und werden wieder nichts finden.
1938 hatte Albert Hofmann mit Mutterkorn-Alkaloiden experimentiert, weil er auf der Suche nach einem blutstillenden Mittel war. Da das bei diesen Versuchen entdeckte LSD-25 keine pharmakologisch interessanten Eigenschaften aufzuweisen schien, geriet es in Vergessenheit. Einer merkwürdigen Ahnung folgend, stellte Hofmann fünf Jahre später LSD-25 nochmals her. Der Rest ist Geschichte: Die bedröhnte Radfahrt, intensives Farberleben. Drei Tage später der kontrollierte Selbstversuch, bei dem Hofmann, wie sich später herausstellte, ein Vielfaches der wirksamen Dosis genommen hatte und einen cinemascopischen Rausch erlebte, ein synästhetisches Spektakel, um das ihn Skrjabin beneidet hätte. Später die gediegenen Trips mit Ernst Jünger, zu Mozart und Rotwein, nach denen Hofmanns Frau Spätzle reichte.
Durch die Verteufelung von LSD ab Ende der sechziger Jahre ist in Vergessenheit geraten, dass es früher von Sandoz und anderen Firmen weltweit als Medikament vertrieben wurde. Damals fiel LSD noch nicht unter die Rauschmittelgesetze der meisten Staaten, was es zur Ausweichdroge für viele Heroin- oder Kokainkonsumenten machte. Und 1963 erlosch das Patent von Sandoz, worauf in den USA die Geheimküchen nur so aus dem Boden schossen. Timothy Leary propagierte es als Befreiungsinstrument, hierzulande predigte Bernward Vesper, durch LSD sollten alle Menschen sich ihrer Eingezwängtheit bewusst werden: Die Droge reißt den Schleier von der Wirklichkeit und macht uns zum ersten Mal unserer Lage bewusst. 1971 nahm er sich unter Einfluss von LSD das Leben. In Amerika wurde LSD im Oktober 1966 verboten, in Deutschland vier Monate später.
Aldous Huxley war Anfang der Sechziger einer der großen Apostel der Droge. Auf dem Totenbett bat er, ihm LSD zu verabreichen, was ihm laut einem Bericht seiner Frau einen schmerzfreien Tod bescherte. Seit einigen Jahren bemühen sich verschiedene Ärzte und Psychiater darum, wieder mit LSD arbeiten zu dürfen. Die Berichte über diese Arbeit waren Höhepunkte des Symposiums, allein schon deshalb, weil hier der ganze phantastometaphysische Überbau wegfiel. Rick Doblin von der Organisation Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) setzt sich ebenso für eine kontrollierte Aufnahme medizinischer Studien ein wie der aus der Tschechoslowakei stammende Psychiater Juraj Styk, der in den sechziger Jahren in Prag LSD in klinischen Versuchen einsetzte. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA gab dem Psychiater Charles Grob jüngst grünes Licht für seine Studie mit dem ebenfalls von Albert Hofmann entdeckten Halluzinogen Psilocybin, mit dem Grob Sterbenden die letzten schmerzhaften Tage erleichtern will. Steht also eine behutsame Renaissance des LSD bevor?
Der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, der Schweizer Rechtsanwalt Luc Saner und Matthias Bröckers, der von den Veranstaltern als Journalist und Sammelstelle für andere Informationen zum 11. September vorgestellt wurde, sind da sehr skeptisch. In einem hervorragenden Podium über Wege zu einer zeitgemäßen Drogenpolitik zeichneten sie ein beeindruckend resignatives Bild von der so repressiven wie ahnungslosen Drogenpolitik der europäischen Länder, die sich widerstandslos dem brachialen war on drugs der Amerikaner angeschlossen hätten. Albert Hofmann ist aus ganz anderen Gründen skeptisch: Für ihn ist LSD ein Geschenk der Natur an die Menschheit, doch fehle in der westlichen Welt der zeremonielle Rahmen, in dem die Substanz eingenommen wird.
Am Ende des Tagungsmarathons sitzt Hofmann, dünn, mit pergamentener Haut und ruhig strahlenden Augen, auf dem Podium. Nach dem Geheimnis seines Alters befragt, sagt er: Kindliches Staunen hat mir meinen Weg beschert. Meine Autobiographie beginnt ja nicht mit dem LSD-Erlebnis sondern mit diesem Spaziergang, den ich als kleines Kind im Wald unternommen hatte. Plötzlich gehörte ich zum Wald, ein unerhörtes Glücksgefühl. Ich wünsche allen, dass ihnen das Bewusstsein des Wunders der Schöpfung offenbar wird. Merkwürdig, dass aus seinem Mund diese naturmystischen Sätze so sparsam, schön und klar wirkten.
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