[Juenger-list] H-Soz-u-Kult. Rezension: L. Hagestedt (Hg.): Ernst
Juenger. Politik - Mythos - Kunst
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Thu Jan 12 17:10:16 EST 2006
HUMANITIES - SOZIAL- UND KULTURGESCHICHTE
H-SOZ-U-KULT at H-NET.MSU.EDU
WWW: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de
_________________________________________________
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-031
Rez. NEG: L. Hagestedt (Hg.): Ernst Jünger. Politik - Mythos - Kunst
------------------------------------------------------------------------
Jünger, Ernst: Hagestedt, Lutz (Hrsg.): Politik - Mythos - Kunst.
Berlin: de Gruyter 2004. ISBN 3-11-018093-6; XV, 524 S., 17 s/w Abb.;
EUR 98,00.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Thomas Forstner, Erzbischöfliches Ordinariat München
Ernst Jünger (1895-1998) ist bereits aufgrund seiner Nähe zu den
jeweiligen politischen Phänomenen der von ihm durchlebten vier Epochen
deutscher Geschichte und deren Reflexion in seinem schriftstellerischen
Schaffen einer der bedeutendsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.
Er hat unzweifelhaft Konjunktur [1]. Erschien er vielen bereits zu
Lebzeiten nicht nur ob seines biblischen Alters als ein Faszinosum, so
wurde er zugleich wie wenige Schriftsteller einerseits von einer Schar
von Verehrern umlagert, andererseits von Gegnern heftig bekämpft. Die
breite materialgestützte Forschung und die damit verbundene
Editionstätigkeit setzte vor allem nach seinem Tod ein, nachdem auch
sein umfangreicher Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach der
wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. In den
letzten Jahren sind eine Reihe seiner umfangreichen Briefwechsel mit
Figuren unterschiedlicher Bedeutung (Rudolf Schlichter, Gerhard Nebel,
Carl Schmitt und zuletzt Friedrich Hielscher) in sorgfältig
kommentierten Ausgaben erschienen. Auch die Politische Publizistik
wurde neu herausgegeben, die in die zu Lebzeiten erschienene 18bändige
und nach dem Tod um 4 Supplementbände ergänzte Ausgabe Sämtlicher
Werke nicht aufgenommen wurde. Ein Freundeskreis veranstaltet seit
1999 jährliche wissenschaftliche Symposien, eine jüngst erschienene
Bibliographie verzeichnet den Großteil der seit 1928 erschienenen und
ohne dieses Hilfsmittel unüberschaubar gewordenen Sekundärliteratur [2].
Für den Historiker findet sich bei Jünger und auch in der noch zu
schreibenden Geschichte der Jünger-Rezeption, wertvolles Material zur
facettenreichen Geistes- und Mentalitätsgeschichte deutscher Eliten
zwischen Weimarer und Bonner Republik.
Der hier besprochene Sammelband ist Ertrag eines vom Herausgeber, dem
Marburger Literaturwissenschaftler Lutz Hagestedt, initiierten und von
der DFG geförderten Ernst-Jünger-Symposiums, welches im Jahr 2002 auf
Schloss Rauischholzhausen stattfand. Er versammelt, neben einem kurzen
Vorwort Hagestedts, insgesamt 28 überwiegend von
Literaturwissenschaftlern verfasste Beiträge, die ein breites
thematisches Spektrum abdecken. Während ein kleinerer Teil der
Autorinnen und Autoren zu den in der Jünger-Forschung bereits
bekannteren Namen zählt (etwa Sven Olaf Bergötz, Ulrich Fröschle,
Steffen Martus, Harro Segeberg), handelt es sich beim größeren Teil um
jüngere (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die in diesem Zusammenhang erstmals
ihre Jünger-Studien vorlegen.
Die Stärke des Bandes liegt vor allem im fast ausnahmslos hohen
wissenschaftlichen Niveau der hier versammelten Beiträge, die im
Hinblick auf ihre Methode und Fragestellung vielfach innovativ sind und
überwiegend neue und bislang unbeschrittene Zugänge zu Werk und Leben
Ernst Jüngers eröffnen. Seine Schwäche ist das Fehlen jeglicher
konzeptionellen Klammer. Dies wird schon daraus ersichtlich, dass die
einzelnen Beiträge nicht etwa nach Themenkomplexen, sondern alphabetisch
nach den Namen ihrer Verfasser geordnet sind. So lässt sich der
Untertitel des Bandes Politik Mythos Kunst lediglich als Anklang
an zentrale Leitmotive in Jüngers Schaffen verstehen, nicht als
Beschreibung eines übergreifenden gemeinsamen, zielorientierten
Forschungsinteresses des Herausgebers oder der Autoren. Folglich wäre
Gottfried Benns Wort über Ernst Jünger, Wir sind von außen oft
verbunden, wir sind von innen meist getrennt [3] ein weitaus passender
Titel für den vorliegenden Band gewesen, in dem Spezialstudie neben
Spezialstudie steht.
Was findet der Leser hier? Zunächst vor allem Neues und Bemerkenswertes
(aus der Fülle der Beiträge können nur einige herausgegriffen werden,
wobei dies keine Wertung implizieren soll):
Höchst neuartig und originell ist der Ansatz von Harald Weilnböck
(Berlin) in seinem Beitrag
Borderline literarische Interaktion und
Gewalt am Beispiel von Ernst Jüngers Kriegsschriften (S. 431-444).
Weilnböck untersucht ausgehend von Interaktions- und Narrationsmodellen
der neueren Psycho- und Beziehungsanalyse, besonders der
(Gegen-)Übertragungsanalyse und der Psychotraumatologie die
Text-Leser-Beziehung in Jüngers Kriegsschriften der 20er Jahre. Mit dem
von ihm entwickelten Modell der borderlinen literarischen Interaktion
gelangt er zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Texte Jüngers von
borderlinen Phänomenen und Interaktionsmodi geprägt sind und macht ein
Potential der borderlinen Aggressions- und Abwehrübertragung auf den
Leser (S. 442) aus. Inwieweit sich ein solcher Ansatz freilich
befruchtend auf die Literaturwissenschaft auszuwirken vermag, bleibt
noch abzuwarten.
Einen Blick auf Ernst Jüngers Lebenskunst wirft Ulrich Baron (Hamburg)
in seinem Beitrag Ordnung der Dinge nach ihrem unsichtbaren Rang
(S.
35-45), der einmal mehr das Fehlen einer verlässlichen
lebensgeschichtlichen Gesamtdarstellung Jüngers schmerzlich deutlich
macht [4]. Baron zeigt, in welchem Maße Jüngers oft extreme Positionen
und Haltungen zugleich auf eigentümliche Weise ihren lebensweltlichen
Gegenpart in einer beschaulichen Existenz fanden, in welcher der banale
Alltag und die damit verbundenen Sorgen und Nöte von dienstbaren
Geistern oder selbstlosen Ehefrauen fern gehalten wurden. Jünger, die
Ikone der geistig-moralischen Wende der achtziger Jahre, ein
Faulenzer und Müßiggänger, der eine vita contemplativa pflegte?
Vermutlich macht gerade auch das im Werk immer wieder vermittelte Motiv
der selbstgenügsamen, scheinbar gelungenen Existenz, der Rückzug in die
kleinen Welten, die entomologischen Mikrokosmen, die Gärten, die
Bibliotheken und das Archiv (S. 43), während draußen die Katastrophen
über das Jahrhundert hereinbrechen, einen Teil der Faszination aus, die
Jünger immer wieder ausgestrahlt hat.
Eine Reihe von Beiträgen widmet sich vergleichenden Studien: Michael
Ansel (München) Der verfemte und der unbehelligte Solitär
(S. 1-23)
vergleicht Jüngers literarische Karriere mit derjenigen Gottfried Benns
vor dem Hintergrund der politisch gegensätzlichen Verhaltensweisen im
Jahr 1933. Eine speziellere Fragestellung legt Helmuth Kiesel
(Heidelberg) Denken auf Leben und Tod
(S. 181-191) zugrunde, der die
unterschiedliche Behandlung der Frage nach dem ethisch korrekten Handeln
des Einzelnen angesichts der Todesbedrohung in einer totalitären
Gesellschaft bei Jünger, Brecht und Bergengruen betrachtet. Reinhard
Wilczek (Essen) versucht in seinem Beitrag
Aspekte des intermedialen
Technikdiskurses in der Weimarer Zeit (S. 445-457), anhand eines
Vergleichs von Fritz Langs Metropolis und Jüngers programmatischem
Großessay Der Arbeiter Verbindungslinien zwischen beiden
Monumentalwerken zu ziehen und darzustellen, wie sich die Ikonographie
des Films in Jüngers Metaphorik widerspiegelt. Zugleich fragt er damit,
inwieweit die Medien und Künste der Weimarer Republik eine eigene medial
und ästhetisch geprägte Darstellungstypologie, eine optisch-ästhetische
Signatur (S. 456) die Begriffsprägung stammt von Jörg Sader
entwickelt haben.
Die verhärteten Fronten aus unkritischer Apologetik einerseits und
polemischer Ablehnung andererseits, welche die Jünger-Rezeption über
Jahrzehnte bestimmten, scheinen sich erfreulicherweise aufgelöst zu
haben. Eine Ausnahme bildet im hier besprochenen Band der Beitrag von
Kai Köhler (Seoul) Nach der Niederlage. Der deutsche Faschismus, Ernst
Jünger und der Gordische Knoten (S. 205-224), der ausgehend von einer
Analyse von Jüngers Essay Der Gordische Knoten (1953) zwar zutreffend
auf die Funktion von dessen Nihilismuskonzeption für Einordnungs- und
Entschuldungsstrategien hinsichtlich der deutschen Kriegsverbrechen nach
1945 hinweist, es aber versäumt, dies in den Zusammenhang
zeitgenössischer künstlerischer Ausdrucksweisen und Diskurse zu stellen.
Mit seinen Thesen, Jünger hätte auch nach 1945 als politischer Aktivist
gewirkt, Hitler aufs Anekdotische reduziert (S. 218) und den Judenmord
ausgeblendet was stets im Duktus der Anklage vorgetragen wird stellt
Köhler sich in der Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Texten
Jüngers auf allzu dünnes Eis.
Fassen wir zusammen: So thematisch disparat der Band insgesamt
erscheinen mag die einzelnen Beiträge sind für sich genommen
überwiegend höchst wertvolle Bausteine der Ernst-Jünger-Forschung und
bieten einen Querschnitt durch die weite Landschaft neuerer
Forschungstendenzen von Seiten der Literaturwissenschaft. Aufgrund der
starken Spezialisierung dürften sie jedoch zumeist nur für Leser
interessant sein, denen literaturwissenschaftliche Fragestellungen
einerseits, Werk und Themen Ernst Jüngers andererseits bereits gut
vertraut sind.
Anmerkungen:
[1] Vgl. zur Übersicht über aktuellere Entwicklungen die umfangreiche
Linksammlung der Universitätsbibliothek der FU Berlin:
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autor
en/multi_ijk/juenger.html
(letzter Aufruf 3.10.2005).
[2] Nicolai, Riedel (Bearb.), Ernst-Jünger-Bibliographie.
Wissenschaftliche und essayistische Beiträge zu seinem Werk 1928-2002,
(Personalbibliographien zur neueren deutschen Literatur 5), Stuttgart
2003.
[3] Gottfried Benn, An Ernst Jünger, in: Ders., Gesammelte Werke, hg.
von Dieter Wellershoff, Bd. 1, S. 476.
[4] Die bislang umfangreichste Biographie Jüngers von Paul Noack (Ernst
Jünger. Eine Biographie, Berlin 1998) behandelt die zweite Lebenshälfte
nur noch schlaglichtartig; Martin Meyers kluges Buch (Ernst Jünger,
München 1990) betrachtet mit hoher Kennerschaft das Werk, nicht die
Person des Autors.
Der Rezensent ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Erzbischöflichen
Ordinariat München. Diese Rezension spiegelt seine private Auffassung
wider und ist keine öffentliche Stellungnahme des Erzbischöflichen
Ordinariats München.
--
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG
unsere Angebote (Amazon und Booklooker) finden Sie hier:
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html
einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192
More information about the Juenger-list
mailing list