[Juenger-list] F.A.Z. 6. August: F. G. Jünger, O. Weininger und das Kyklische

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Sun Aug 6 13:00:23 EDT 2006


schöne grüße vom waldhof tiefendorf, Ihr / Euer tw




Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite 60


Der Kreis der Philosophen
Geometrische Figuren stehen oft für ganze Weltbilder. Otto Weininger bekämpfte, Friedrich Georg Jünger lobte das Zyklische.

Von Lorenz Jäger

Was ist eigentlich ein Kreis? Eine der ältesten Gestalten, in denen sich die frühen Völker das Ganze vorstellten, die sie mit Steinen bildeten. Die Vielheit der Kräfte - seien sie kosmische oder gesellschaftliche, das eine spiegelte damals noch das andere -, die, wenn man sie auf einer bloßen Linie anordnete, nicht mehr als eine Summe wären, ein fortlaufendes Eins plus eins plus eins - diese Kräfte bekunden im Kreis, daß sie sich zu einer neuen Gestaltqualität vereinigt haben und insofern mehr sind als ihre Summe. Der Kreis, so vermuten wir, war das sakralisierte Ganze.

Gibt es überhaupt eine frühgeschichtliche Kultur, die diese Figur nicht in höchsten Ehren gehalten hätte? Ob der Kreis in seinen monumentalen Gestalten einen festlichen Versammlungsort bezeichnete oder ob er eine Art Observatorium darstellte, das auf die Sonnenwenden geeicht war, wird immer eine offene Frage bleiben, und es mag gut sein, daß er beide Zwecke erfüllte.

Die Denker nun haben gerne zu mathematischen und geometrischen Vorstellungen gegriffen, um ihren Systemen eine gewisse Anschaulichkeit zu geben. Nur einer unter ihnen war ein entschiedener Kreisfeind: der genialische Wiener Philosoph Otto Weininger, der sich nach dem Abschluß seines Hauptwerks "Geschlecht und Charakter" am 4. Oktober 1903 erschoß, gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt. Die Erhabenheit der planetarischen Kreisbahnen, an denen die Alte Welt hing, bis Kepler sie für Ellipsen erkannte, sei Zeichen eines durchaus falschen Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit nur erschlichen. Die rückläufige Bewegung nämlich sei die unethische Form schlechthin: "Sie ist selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie wiederholt das Gleiche immerfort, sie ist, moralisch betrachtet, schlimmer als der wenigstens immer weiter rückwärts wollende, wenigstens sinnvolle Krebsgang."

Alles Kreisen sei absurd wie der Tanz, dem Weiningers besondere Erbitterung galt (Wien, die Stadt des Walzers, sah er als feminisiert und mithin "unsittlich" an), oder die Wiederholung war unheimlich wie das Deja vu; am Ende gar auch amoralisch, weil in den Bann zwingend wie der Ring der Ehe oder der Magie. Der Planet Saturn erschien Weininger "mit seinen Ringen und Monden geradezu als die Summation des Bösen".

Bewundernd steht man vor dieser angesichts der Verwissenschaftlichung fast tollkühnen Idee einer universellen physiognomischen Lesbarkeit der Welt, vor der psychologischen Ausdeutung von allem und jedem, die sich bei Weininger mit einer ungebrochenen Kraft äußert und ihn zu einem der großen Seelenforscher des zwanzigsten Jahrhunderts macht - einem gegenüber seinem Zeitgenossen Freud immer noch unterschätzten Mann.

Weiningers radikale Sittlichkeit in der Betrachtung der Natur und der geometrischen Figuren sparte indes die Struktur der Erfahrung, ja des Glücks aus. Von Erfahrung nämlich, dies hatte kein geringerer als Hegel dargelegt, läßt sich erst dann sprechen, wenn die jeweils neuen, aktuellen Erlebnisse zugleich als Rückkehrbewegungen zu älteren, als deren Erhellung, gedeutet werden können. Hegel gehört zu den großen Fürsprechern des Kreises in der Philosophie - betrachtete er doch sogar sein System als einen "Kreis von Kreisen". Und Glück schließt wohl immer ein "Wiederfinden" ein, eines Kinderwunsches vielleicht, eines Verlorengeglaubten.

Aber das Glück war es ja gerade, was dem jungen Weininger auf ewig versperrt schien. Nach seiner Lehre sollte die Zeit ausschließlich einsinnig sein. Das bedeutete nun: moderne Fortschrittslehre in ihrer allerkahlsten, lebensfeindlichsten Form. Denn zwar folgen die großen Kulturen allesamt einem Gründungsdatum, von dem her die Jahre in der Tat einsinnig fließen - die Griechen der ersten Olympiade, die Juden der Weltschöpfung, die Christen der Geburt des Erlösers, die Muslime dem Auszug des Propheten nach Medina -, aber das Leben innerhalb des Jahres ist auf die Wiederkehr verwiesen, auf die liturgischen oder säkularisierten Feste.

Der Dichter und Schriftsteller Friedrich Georg Jünger, Bruder von Ernst Jünger und Verfasser eines modernekritischen Buches über die "Perfektion der Technik", hat in einer geistvollen Kritik an Weininger geradezu versucht, den Suizid des Philosophen aus dieser ablehnenden Haltung gegenüber allem Zyklischen verständlich zu machen: "Wenn das Denken die Wiederkehr ablehnt, wird ihr Vollzug gestört. Wenn es sie radikal verneint, wird das Leben, das auf ihr beruht, unerträglich. Dort, wo jede Wiederkehr verneint wird, ist der Selbstmord unabwendbar. Daß nichts wiederkehren soll, ist der Wunsch dessen, der Hand an sich legt."

Literaturhinweis: Otto Weininger: Über rückläufige Bewegung, in: Über die letzten Dinge, München 1997

Friedrich Georg Jünger: Otto Weininger, in: Der Pfahl I. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, München 1987


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