[Juenger-list] Wien: Vortrag über Jünger
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Mon Apr 24 05:06:54 EDT 2006
Liebe Jünger-Freunde,
nachstehender Pressenotiz entnehme ich einen Symposions-Vortrag in Wien über Ernst Jünger am 25. April.
Ergänzend zur Pressenotiz die Angaben zum Vortrag:
Esther Marian (Wien): Ernst Jünger: Selbststilisierungen und biographische Projektionen
Das komplette Programm hier: http://gtb.lbg.ac.at/index.php?pId=s2037bq1682irb200540&mediaId=10&languageId=DE&mode=record&aId=29
Schöne Grüße rundum, Ihr / Euer TW
http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=k&ressort=kl&id=553973
Literaturwissenschaft:
Die Biografie, der Bastard
VON ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse) 24.04.2006
Symposion in Wien, zu einem viel geschmähten Genre.
Als ich noch in der Wiege lag, ist ein Nibbio (ein Greifvogel, Anm.) zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit seinem Schwanz gegen meine Lippen gestoßen." So erinnert sich Leonardo da Vinci. Früher las man daraus den Wunsch zu fliegen. Erst Freud deutete es als Indiz für Homosexualität. Um als Biograf "wirklich zum Verständnis seines Helden durchzudringen", dürfe man nicht sexuelle Betätigung und Eigenart des Untersuchten übergehen, betonte der Begründer der Psychoanalyse. Freud lehnte aber ab, als Arnold Zweig die Lebensgeschichte seines Freundes schreiben wollte: "Biografische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn, wäre sie nicht zu gebrauchen".
Schamlos, nutzlos - die Biografie wurde schon viel geschmäht. "Im besten Fall ist es Dichtung, im schlimmsten penetrante Ichbezogenheit", urteilte der Historiker Robin Collingwood. "Seelen-Plagiat" nannte Vladimir Nabokov das Genre, einen "Bastard", eine "unreine Kunst" Virginia Woolf. Und doch kommt der Dauerseller des Buchmarktes auch wissenschaftlich wieder zu Ehren. Das zeigt auch das internationale Symposion "Spiegel und Maske", das heute, Montag, in Wien beginnt. Es ist die erste Großveranstaltung, mit der das vor einem Jahr eröffnete "Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biographie" an die Öffentlichkeit geht.
Freud muss sich im Freud-Jahr nicht ärgern: Es geht nicht um "biografische Wahrheit", sondern um deren "Konstruktionen": um Manipulation, Stilisierung, Verschweigen, Auslöschen. Schriftstellerbiografien stehen im Mittelpunkt. Der Streit darum kann bis zum Mord führen - das zeigt der Fall des rumänischen Religionswissenschaftlers und Romanciers Mircea Eliade. Ein Konflikt entbrannte nach 1989 um Eliades rechtsextremes Engagement. Und damit auch um die Biografie, die dessen Schüler Ioan Petru Culianu über ihn verfasst hatte. Culianu wurde ermordet.
Ähnlich politisch brisant für die Nachgeborenen war die Lebensgeschichte des 1978 verstorbenen italienischen Autors Ignazio Silone. Als Ikone des Antifaschismus wurde er gefeiert, bis der Historiker Dario Biocca 1998 bewies, dass Silone jahrelang ein Informant der faschistischen Polizei war. Ein erbitterter Medienstreit zwischen Kritikern und Anhängern Silones folgte. Auch Ernst Jüngers Selbststilisierungen widmet sich ein Vortrag, ein anderer Lebensläufen im Dritten Reich, und wie sie später erzählt werden: am Beispiel von Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Wolfgang Koeppen.
Vier Österreicher hat sich das Boltzmann-Institut unter der Leitung des Germanisten Bernhard Fetz Laufzeit in seiner Arbeit als Schwerpunkt gesetzt: Hugo von Hofmannsthal, Eugenie Schwarzwald, Ernst Jandl und Thomas Bernhard. Wie kompliziert bei Bernhard Leben und Text ineinander greifen, Spiegel und Masken produziert werden, ist auch Gegenstand der Tagung. Titel: "Der Wahrheitsgehalt der Lüge".
Man hat es nicht einfach mit der "biografischen Wahrheit" - darauf ganz zu verzichten, besteht kein Grund, am wenigsten für Literaturwissenschaftler. Denn die "biografische Wahrheit" hat einiges mit der "Wahrheit der Dichtung" zu tun. Virginia Woolf zum Beispiel wusste um die Stärken des "Bastards" Biografie: "Der Biograf tut mehr, um die Einbildungskraft zu stimulieren, als irgendein Dichter, ausgenommen die allergrößten." Er könne bloße Fakten "schöpferisch", "fruchtbar" machen.
Die Oxforder Literaturwissenschaftlerin Hermione Lee hat das in ihrer berühmten Virginia-Woolf-Biografie versucht. In Wien erzählt sie, wie sie dabei mit Woolfs autobiografischen Texten umging. Wie weit muss ein Biograf zwischen den Zeilen lesen, die autobiografischen Lebensversionen dekonstruieren, um sie neu zu schreiben? Bernhard Fetz, Leiter des Boltzmann-Instituts, schließlich zeigt die Eigenart des Biografischen "zwischen Verlebendigung und Liquidierung" am Beispiel von Imre Kertész' Roman "Liquidation".
Weitere Veranstaltungen des zehnköpfigen Boltzmann-Instituts sind geplant: Symposien zu "Biografie und Film" beziehungsweise "Biografie und Religion" geplant sowie Ausstellungen zu Hofmannsthal und zu Schriftstellerinnen der Zwischenkriegszeit.
--
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG
unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier:
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html
einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192
More information about the Juenger-list
mailing list