[Juenger-list] FAZ 19. April über das Jünger-Symposion

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Tue Apr 18 12:18:50 EDT 2006


Liebe Jünger-Freunde,

in der morgigen FAZ ist eine Besprechung des diesjährigen Jünger-Symposions enthalten, verfaßt von Martin Thoemmes. 
Text s. unten.

Herzliche Grüße rundum, Ihr/Euer TW


Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 38
Keine Uhr im Wald
Ein Symposion mustert den Zeitbegriff der Brüder Jünger

Letzter Tag des 8.Ernst-Jünger-Symposions: Der "Wilflinger Musikverein" hatte gerade den Marsch "Preußens Gloria" beendet, die Stimmung war gehoben. Die Witwe Lieselotte Jünger, den Jünger-Lesern auch bekannt als das "Stierlein", und der Bildhauer Gerold Jäggle enthüllten dessen gelungenes Denkmal am Wilflinger Weiher - aber auch ein Desaster: Irgendein Schelm hatte dem bronzenen Jünger in einer vermutlich nächtlichen Aktion sowohl eine rote Pappnase als auch einen Büstenhalter appliziert. Es folgte nicht, wie man hätte glauben können, ein Aufschrei der Empörung, sondern ein nachhaltiger Heiterkeitsausbruch, dem sich weder die Witwe noch der Bildhauer, noch irgendeine andere Spektabilität zu entziehen vermochten.

Diese kuriose Szene kennzeichnete das gesamte Symposion. Es strafte die längst angerosteten Klischees über weihevoll dräuende Jünger-Jünger nicht zum ersten Mal Lügen. In heiterer Gelassenheit und - zumeist - größter Luzidität berieten Referenten verschiedener Nationalitäten und wohl auch unterschiedlicher politisch-geschichtsphilosophischer Herkunft hauptsächlich das vorgegebene Thema des Zeitbegriffs bei den Brüdern Ernst und Friedrich Georg Jünger. Der Freiburger Philosoph Günter Figal setzte das Motto. Bei Ernst Jünger lerne man - insbesondere in seiner Schrift "An der Zeitmauer" und im Buch "Das Abenteuerliche Herz" - etwas über die Zeit, was es sonst nicht gebe. Der traditionellen Sicht, daß die Zeit ein Prozeß des Kommens und Vergehens und wie ein Fluß sei, stelle Jünger die Zeit als Ordnung entgegen, aus der es anarchische Ausbrüche gebe, "Stürze aus der Ordnung der Zeit", beispielsweise im Phänomen des "zweiten Gesichts", in der die Zukunft momenthaft zur Gegenwart werde, in der Vergegenwärtigung nicht Anwesender und in der Kunst, insbesondere in derjenigen des Surrealismus. Die "Zeitmauer", welche die Ordnung der Zeit vom Zeitlosen trenne, scheide nicht nur, sondern verbinde auch und werde zuweilen brüchig.

Der junge Moskauer Philosoph Alexander Michajlowskij sieht bei Jünger jedes Verlassen des Gleichmaßes der Zeit wie den Rausch, den Schlaf und das Herantreten an das Heilige als Vorstufen des Todes. In diesen Zuständen verlasse der Mensch seine Rolle als "Zeitmanager" einer mechanistisch verstandenen Zeit. Im Bild des Waldes, das in seiner Schrift "Der Waldgang" aufscheint, sei der Ort auch des zeitlich verstandenen Überflusses, der Mensch trete aus der Region des "Anschlusses", des Metrischen und nähere sich dem Bereich der Ewigkeit. Im Wald, wo es keine Uhr gebe, so Michajlowskij, befreie sich der Mensch von seiner alltäglichen Galeerenarbeit. Der Wald in diesem Sinne, der auch in der Großstadt zu finden sei, und der Rausch führten aus der mechanischen Zeit heraus, wobei es Michajlowskij als bedenklich einstufte, daß heute Drogen zunehmend dazu mißbraucht würden, um "fit" für den Alltag zu sein.

Steffen Dietzsch (Berlin) und Giuliana Gregorio (Messina) konnten an die anderen Vorträge anknüpfen, als sie über den Zeitbegriff bei Friedrich Georg Jünger sprachen, wobei auffiel, daß auf der Tagung, wenn von "Jünger" gesprochen wurde, zumeist Ernst gemeint war. Technisch gewonnene Zeit sei im Sinne Friedrich Georg Jüngers keine wirklich freie Zeit, sondern gemessene, also "tote Zeit". Im Unterschied zur als linear angenommenen Zeit des christlichen Wirklichkeitsverständnisses war Friedrich Georg Jünger, wie Dietzsch systematisch darlegte, von der zyklischen Zeit, dem Gedanken der Wiederkehr durchdrungen, geschichtsphilosophischen Konstruktionen habe er mithin wenig abgewinnen können. Auch alles Gedachte sei eine Wiederkehr, wobei Dietzsch zwischen Wiederkehr und Rückkehr begrifflich scharf unterschied.

Gregorio verglich Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen mit Friedrich Georgs Theorie der Wiederkehr und fragte, ob Nietzsches Lehre nicht als ein perpetuum mobile zu verstehen sei. Jüngers Sicht sei weniger titanenhaft und antiker als Nietzsches Lehre. Entgegen landläufiger Ansicht sei hingegen Friedrich Georg Jüngers Lehre von der Wiederkunft, auch der Wiederkunft des Göttlichen, dionysischer als diejenige Nietzsches. Jener sah die Wiederkehr stärker in Kosmos und Natur, im dionysischen Festzug von Mensch und Tier, kurz: im Überfluß. Hier sei die Konstruktion des Nietzscheschen "Übermenschen" völlig entbehrlich, der Mensch werde bei Jünger so angenommen, wie er sei, sie pries in diesem Sinne die "Humanität" Friedrich Georg Jüngers.

Am Vorabend der eigentlichen Tagung bestand Arnold Stadler darauf, nicht als Schriftsteller, sondern als Leser über die Reisetagebücher Ernst Jüngers zu sprechen, und berichtete erheiternd über die Kontroverse zwischen letzterem und Martin Heidegger über den Sinn des Reisens. Unmittelbar vor einer Weltreise im Jahre 1965 erhielt Jünger einen verdikthaften Brief Heideggers, der mit Lao Tse das zwecklose Reisen verurteilte. Stadler sah Heidegger in seinen "Meßkircher Laufstall" verbannt, zitierte Jüngers kühle Entgegnung, auch an Bord könne man arbeiten, und sah Jüngers weit ausgreifende Reisen nicht als Zeitvertreib, sondern als "Weltbegegnung", die als "Basisstation" allerdings immer der Wilflinger Provinz bedurfte. Das Symposion im Kloster Heiligkreuztal unweit von Wilflingen war jedenfalls der Reise wert und ließ deutlich werden, daß sich die Philosophen der Jünger-Brüder inzwischen intensiver annehmen als die Literaturwissenschaftler. MARTIN THOEMMES



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