[Juenger-list] taz: Krieg als Vater der modernen Medientechnologie
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Apr 4 15:10:28 EDT 2006
schöne grüße rundum, tw
taz vom 4.4.2006, S. 17, 208 Z. (Kommentar)
See me, hear me, touch me
Klar ist der Krieg der Vater der modernen Medientechnologie,
aber in den Schützengräben konnte das Sehen, Hören und
Riechen auch zur tödlichen Gefahr werden: Julia Enckes
Untersuchung der "Augenblicke der Gefahr" geht den medialen
Überformungen unserer natürlichen fünf Sinne nach
VON CONRAD BECKMANN
Spätestens seit Kittler und Virilio ist bekannt, dass man Kriege
als die großen Katalysatoren innerhalb der
Entwicklungsgeschichte der Technologie betrachten muss.
Doch erst um 1900 war die Kriegstechnik so weit fortgeschritten,
um die logistische Basis der menschlichen Wahrnehmung von
Grund auf verändern zu können. Die noch junge Technologie der
Fotografie zum Beispiel erlebte während des Ersten Weltkrieges
ihren ersten großen Boom.
Doch die Kriegsfotografie lieferte keine Bilder des Krieges. Um
zu sehen, musste man sich sehen lassen - fotografieren konnte
man nur in dem Augenblick, in dem man nicht schoss. "Zu allem
Unglück", schrieb Ernst Jünger 1920 in seinem Tagebuch "In
Stahlgewittern", "kam heute auch noch der Leutnant von Ewald
in unseren Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt
liegende Sappe N zu photographieren. Als er sich umdrehte, um
wieder vom Postenstand herunterzusteigen, zerschmetterte ihm
ein Geschoss den Hinterkopf. Er starb augenblicklich."
Also zeigen die Bilder des Ersten Weltkrieges keine
Gefechtsszenen, sondern entweder öde Landschaften,
verlassene Schützengraben oder Bilder der Gefechtspausen. Es
sind Erinnerungsfotos vom Frontalltag, von denen viele
bedrückend an Urlaubsfotos erinnern: der Kamerad neben dem
Flugzeugwrack oder heroisch neben dem aufgestellten Gewehr.
Ernst Jünger, für den der Erste Weltkrieg nicht nur Weltgericht
und Destruktionsakt war, sondern vor allem eine radikale
Neuordnung der Dinge und Schöpfungsakt eines "neuen Typus"
darstellte, schrieb mit seinem Erstlingswerk "In Stahlgewittern"
nicht nur ein Tagebuch im Gefechtsstand, sondern auch eine
Dokumentation der Amateurfotografie. Die Amateuraufnahmen
der Soldaten wurden in den Nachkriegspublikationen neu
geordnet und mit Bedeutung aufgeladen. Die leere
Kriegslandschaft wurde in eine Ereignislandschaft, die
Niederlage in einen "inneren Sieg" umgedeutet.
Wenn Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen zur
tödlichen Gefahr werden, führt das zur Isolation des Subjekts.
Während des Ersten Weltkrieges schon war das Auge der
Schnelligkeit der Geschosse unterlegen. Zu sehen oder sich
sehen zu lassen wurde zu einer tödlichen Gefahr. Einen Laut
von sich zu geben, verriet dem Feind den eigenen Standpunkt,
und das Hören des Feindes ging der darauf folgenden
Explosion der Sprengladung voran. Der eigenartige Geschmack
auf der Zunge kann den Einsatz des Kampfgases Phosgen
bedeuten und das berüchtigte Senfgas Lost hat in seiner
verunreinigten Form einen "meerrettich- oder mostrichartigen"
Geruch, war aber in seiner Reinform nicht mehr wahrnehmbar
und durchdrang Stiefel, Uniformen und die Haut. Es bleibt dem
Individuum nichts übrig, als sich zu panzern gegen die Umwelt,
sich so abzuschotten, dass nichts durchdringt.
Damit schwinden aber auch seine Sinne. "Es ist das Paradox
der Panzerung, dass sich mit ihr das Training der Augen und die
Schule der Ohren als nutzlos erweisen muss, die erworbene
Wahrnehmungskompetenz nicht zur Anwendung kommen
kann."
Die Kulturwissenschaftlerin Julia Encke, inzwischen als
Literaturkritikerin tätig, arbeitet in ihrer gelungenen Dissertation
über die Wechselwirkungen zwischen dem Ersten Weltkrieg und
den Sinnen. Der erste große Teil des Buches widmet sich der
Ausbildung des Auges und der Entwicklung der Fotografie. Hier
wiederholt sie mimetisch den von Jünger beschriebenen
Stellungskrieg, indem sie eine Flut von Fakten und
Forschungsansätzen zusammenträgt. Eine große Leistung,
zumal das Buch sehr lesbar geblieben ist und auch dem
Nichtspezialisten einen guten Einstieg in das Thema bietet. Den
Schock des Ersten Weltkrieges, der bekanntlich viel größer war
als der der nachfolgenden Kriege, verdoppelt sie im Thema der
Materialschlacht. Trotz dieser Faktenflut ist es ihr gelungen, stets
Neugier zu wecken.
Den zweiten Teil des Buches widmet sie der Geschichte des
Ohres und der Entwicklung der akustischen Technologien. Der
Leser fühlt sich beim Lesen hineinversetzt in das Stollengewirr
der Schützengräben, wo es gilt, einerseits jedes Geräusch zu
vermeiden, um den Feind nicht auf sich aufmerksam zu
machen, und andererseits sich ganz auf den Hörsinn zu
konzentrieren, um eventuelle Bedrohungen früh genug zu hören.
Gekonnt stellt Julia Encke zeitgenössische Erzählungen wie
Kafkas "Der Bau" und Musils "Fliegerpfeil" der technischen
Entwicklung von Telefonie und akustischen Hörhilfen entgegen,
in denen diese kriegsbedingte Konzentration auf den Hörsinn
und dessen Bedrohung ihren Widerhall findet.
Mit der Entdeckung des Stethoskops durch den französischen
Arzt René Théophile Laennec 1816 beginnt durch die
Erweiterung des Ohres eine anders gelagerte Entfernung vom
Körper, die mit der kriegsbedingten Entwicklung der akustischen
Medien weiter vorangetrieben wird. Die Hörerfahrung des Ersten
Weltkrieges ist verantwortlich, so behauptet Encke, für die
Innovationen akustischer Medien, also für die Entwicklung von
Telefonie, Radio und des Tonfilms in der Nachkriegszeit.
Obwohl man sich gewünscht hätte, dass der zweite und dritte
Teil zum Geruchssinn ausführlicher ausgefallen wären, wird mit
dem Buch von Julia Encke ein Forschungsfeld eröffnet, das
neue Perspektiven eröffnet und sowohl den geschichts- als
auch kulturwissenschaftlichen Blick auf den Ersten Weltkrieg
und die Sinnenphysiologie in ein neues Licht stellt. Die
Augenblicke der Gefahr stellen das Paradigma der
unvermittelten Sinnenerfahrung als Bedrohung auf, zu dem die
technologische Entwicklung das Heilversprechen liefert. Ihre
Thesen gewinnen eine erschreckende Aktualität in Hinsicht auf
gegenwärtige Kriege, in denen die Abkopplung der Sinne zur
technologischen Perfektion getrieben wird.
Julia Encke: "Augenblicke der Gefahr". Wilhelm Fink Verlag,
Paderborn 2006, 285 Seiten, 36,90
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