[Juenger-list] Frankfurter Neue Presse: Rezension Jünger/Benn-Briefwechsel
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Mon Apr 3 06:37:22 EDT 2006
schöen grüße rundum, tw
Frankfurter Neue Presse
Printausgabe vom 23.03.2006
Äußerlich verbunden, innen fremd
Von Michael Kluger
Der Briefwechsel 19491956 zwischen Gottfried Benn und Ernst
Jünger offenbart: Zwischen beiden ist es zu einer
Männerfreundschaft nie gekommen.
Am 30. November 1949 sandte Ernst Jünger ein
Widmungsexemplar seines Romans Heliopolis" an Benn in
Berlin: Zweite Botschaft an Gottfried Benn: Die erste vor dreißig
Jahren hat ihn nicht erreicht." Sie muss sich bewundernd auf die
Rönne-Novellen und frühen Gedichte bezogen haben. Benn hat
sie vermutlich nicht beachtet. Als Antwort auf Jüngers neuen
Versuch schickt Benn ein Widmungsgedicht mit dem Band
Goethe und die Naturwissenschaften": Wir sind von Außen oft
verbunden, / Wir sind von Innen meist getrennt, / Doch teilen wir
den Strom, die Stunden, / Den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden
/ Dess', das sich das Jahrhundert nennt." Äußerlich verbunden,
innerlich fremd das ist und bleibt der Grundton im
beiderseitigen Verhältnis, jedenfalls aus der Perspektive Benns.
Warum?
Es verband sie immerhin der geistesgeschichtliche Hintergrund:
die Berufung auf Nietzsche, der Ekel an der Moderne, die
Erfahrung des Nihilismus und die zeitweilige Bewunderung
des Nationalsozialismus, die bei Jünger indes bereits in den
20er Jahren in Ernüchterung umschlug. Benn dagegen war
1933 einer der wenigen Dichter von Belang, der zur
Bestürzung seines Verehrers Klaus Mann Hitler seine Stimme
lieh. In den Feuilletons der Nachkriegszeit wurden Benn und
Jünger immer wieder nebeneinander genannt zum Ärger
Benns: Übrigens mit Heidegger lasse ich mich gern
zusammenstelln, das ist mir eine Ehre im Gegensatz zu dem
Jüngerparallelismus." Benn, der Arzt für Haut- und
Geschlechtskrankheiten und Dichter zerebraler Ekstasen,
mochte den stahlgewitternden Frontoffizier, späteren Waldläufer
und Käfersammler in Wahrheit nicht: Ich finde bei ihm enorm
viel inneren Kitsch u. was er als ,Angriff` gesehen haben möchte,
ist mehr Vorwölbung u. Blähung bei ihm als Front." Und weiter:
Katastrophal! Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch u. stillos.
Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend. Manchmal
nahe an Erkenntnissen, manchmal vor gewissen Tiefen
stehend, aber nirgends Durchbruch, Haltung, Flammen." So ist
denn dieser Briefwechsel das Dokument der konsequenten
Weigerung Benns, in einen intellektuellen Austausch
einzutreten. Zwei, die zu den Größen ihrer Zeit gehören, haben
sich nicht viel zu sagen.
Benn, der Büchner-Preisträger von 1951, hält auf Distanz. Er
sieht sich in einer anderen Klasse. Jünger wirbt gleichwohl
stetig um ihn. Die zwei älteren Herren schicken sich Grüße,
Telegramme, Postkarten oder Bücher. Wiederholt drängt Jünger
auf eine persönliche Begegnung, lädt ihn gar in seine
Feriendomizile am Mittelmeer ein. Doch der sesshafte
Melancholiker Benn, der sich in der Bozener Straße in seiner
kleinen Berliner Wohnung lyrischen Räuschen hingibt, weiß sie
stets zu vermeiden. Im März 1954 schreibt Benn: Ich war jetzt in
Ihrer Nähe, fand aber auf den Karten nur ein Riedlingen, das an
der Donau liegt, ist das Ihr Riedlingen? Anscheinend ein
größerer Ort, mir ist die Gegend völlig fremd, und ich konnte sie
nicht lokalisieren." Kaum glaubhaft.
Als Jünger ihn auffordert, sich doch an Drogenexperimenten zu
beteiligen, die er mit Freunden unternimmt, bescheidet Benn,
der Dichter des provozierten Lebens, lapidar: Darf ich bei der
Gelegenheit erwähnen, dass ich selber Drogen weder nehme
noch genommen habe. (. . .) Außer Cafe und Cigaretten brauche
ich keine Stimulantien." Auch dem von Jünger angestrebten
Schulterschluss gegen gemeinsame Gegner entzieht er sich mit
der Auskunft, er habe einem Kritiker mitgeteilt, über mich
können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war
oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr treibe, von mir
werden Sie keine Entgegnung vernehmen".
Einmal, im Mai 1952, kommt es doch zu einer Begegnung in der
Bozener Straße. Es wird die einzige bleiben. Benn hält fest: War
ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er aus?
Nicht so eitel u. affektiert wie seine Bilder. (. . .) Der Abend war
ganz interessant. Wir tranken ganz reichlich u. dabei kamen wir
uns näher u. wurden offen miteinander." Die kurzzeitige Intimität
schlägt sich gar in einem Dankschreiben Jüngers nieder:
Hinsichtlich der Tänzerin habe ich Ihren Rat befolgt und bin
neugierig, wie sich die Angelegenheit entwickeln wird." Worum
es ging, ist ungeklärt.
Gottfried Benn Ernst Jünger: Briefwechsel 19491956, Hrsg.
Holger Hof, Klett-Cotta, Stuttgart, 154 Seiten, 14,50 Euro.
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