[Juenger-list] BZ: Günter Maschke verteidigt Carl Schmitts völkerrechtliche Schriften

T. Wimbauer wimbauer at web.de
Sun Sep 11 14:32:10 EDT 2005


Schöne Grüße rundum und Dank an die -ek-
TW 
  

  Berliner Zeitung  Montag, 12. September 2005      
           
 Der totale Kommentar
 Herausgeber Günter Maschke verteidigt Carl Schmitts 
 völkerrechtliche Schriften
 
 H.D. Kittsteiner
 
 Der Verfassungs- und Völkerrechtler Carl Schmitt (1888-1985) 
 polarisiert heute noch; man ist entweder für ihn oder gegen ihn. 
 Kritisch-abwägende Schriften sind selten. Das hat seinen guten 
 Grund, denn der katholische Denker, Geschichtsphilosoph und 
 Kulturkritiker, der scharfsinnige und brillante Don capisco, hatte 
 sich 1933 mit dem Nationalsozialismus eingelassen. Wie weit 
 und wie tief - darüber gibt es eine endlose Literatur. War er im 
 wesentlichen ein katholischer "Reichstheologe", der sich in eine 
 komplexen Eschatologie vom "Reich" als dem Aufhalter des 
 Antichristen verrannt hatte, oder war er nicht doch nur ein 
 Karrierist und gefährlicher Parteigänger? Will man es auf die 
 Spitze treiben, dann steht die klassisch gewordene Sentenz des 
 Jacob Taubes bereit: "Irgendetwas verstehe ich vom 
 Nationalsozialismus nicht, wenn ich nicht verstehen kann, wieso 
 Schmitt und Heidegger von ihm überhaupt angezogen wurden."
 
 Günter Maschke, Herausgeber der Edition "Frieden oder 
 Pazifismus" ist bekennender Schmittianer. Vor langen Zeiten 
 war er "links", was immer das damals geheißen haben mag. 
 Sein Feind heute ist die "political correctness" der politischen 
 Klasse und ihrer akademischen Gefolgsleute. Wer sich dazu 
 rechnet, hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten: 1) Den Band gar 
 nicht erst aufzuschlagen, 2) ihn zu verreißen. Letzteres ist 
 leichter gesagt als getan, die 1 010 Druckseiten warten mit einer 
 Fülle von Material auf. Dies ist kein Buch über Carl Schmitt, 
 sondern ein wuchernder Kommentar zu seinen Aufsätzen. 
 Einige der Arbeiten sind aus dem 1939 von Schmitt selbst 
 herausgegebenen Sammelband "Positionen und Begriffe. Im 
 Kampf mit Weimar-Genf-Versailles" wohl bekannt, die meisten 
 aber sind schwerer zugänglich und runden das Bild nun bis zum 
 Jahre 1978 ab. Maschkes These lautet: Schmitt war ein Denker 
 der konkreten politischen Situation. Seine oft grundsätzlich 
 anmutenden Entwürfe gewinnen ihre Plausibilität und 
 Umrissschärfe erst dann, wenn man sie in ihren Kontext 
 zurückversetzt.
 
 Carl Schmitt war gegen die parlamentarische Demokratie, er 
 war gegen den Genfer Völkerbund und er war selbstverständlich 
 gegen die Ursache allen Übels: den Vertrag von Versailles. 
 Gewöhnlich, so Maschke, betrachte man heute den Ersten 
 Weltkrieg als die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts; es 
 seien in Europa aber erst dann wirklich die "Lichter 
 ausgegangen", als man nach dem Krieg unfähig zu einem gut 
 ausbalancierten Frieden war. 
 
 So lautet die Argumentationsstruktur des Bandes: Der 
 Völkerbund war kein Völkerbund, sondern ein imperiales 
 Werkzeug, das es der Entente gestattete, die Resultate des 
 Diktatfriedens von Versailles zu legitimieren. Man bediente sich 
 der Sprache des Pazifismus, der Ächtung des Krieges; in 
 Wirklichkeit verbarg sich dahinter ein diskriminierender 
 Kriegsbegriff. Schmitt hat es in seiner Abhandlung "Der Begriff 
 des Politischen", die hier in ihrer Urfassung von 1927 
 abgedruckt ist, ausgeführt: Der Gegner ist dann kein "Feind" 
 mehr, dem man nach den Normen des im 17. Jahrhundert 
 entstandenen Europäischen Völkerrechts entgegentritt, sondern 
 er wird zum "Verbrecher" erklärt, gegen den ein Kreuzzug im 
 Namen der Menschheit geführt werden muss. Dieser so 
 genannte "Pazifismus" bringt keinen Frieden. Daher der Titel: 
 "Frieden oder Pazifismus?". Es rührt her von einer kleinen 
 Propagandaschrift Schmitts für die Volksabstimmung vom 
 November 1933, die Hitler die Rückendeckung für den Austritt 
 aus dem Völkerbund gab.
 
 Nun müsste man den Details in den Kommentaren nachgehen: 
 eine ungeheure Aufgabe; im Grunde ist der Band 
 unrezensierbar. Denn in diesen Kommentaren, die durchweg 
 länger sind, als die zu kommentierenden Texte, ist alles 
 aufgeboten, was man zum Verständnis wissen muss; und noch 
 vieles andere. Ein Beispiel: Schmitts Artikel "Totaler Feind, 
 totaler Krieg, totaler Staat" von 1937 ist fünf Seiten lang; der 
 Kommentar umfasst 22 Seiten. Darin finden sich Belege für die 
 von Walther Rathenau im Oktober 1918 geforderte "levée en 
 masse" zur Fortführung des Ersten Weltkrieges ebenso wie eine 
 ausgedehnte Diskussion der völkerrechtlichen Aspekte des 
 Luftkrieges samt einem Abriss der Theorien des italienischen 
 Generals Douhet, der als erster die strategische Bombardierung 
 des Hinterlandes ohne Rücksicht auf zivile Opfer gefordert hatte. 
 
 Nebenbei lässt Maschke einfließen, dass die deutsche 
 Luftwaffe zur taktischen Unterstützung des Heeres nach Artikel 
 25 der Haager Landkriegsordnung immer korrekt gekämpft 
 habe, selbst im Fall Rotterdams, dass die Alliierten hingegen 
 die wahren Anhänger Douhets gewesen seien. Zur Bekräftigung 
 zitiert er eine britische Stimme von 1955: "Total ist die Art von 
 Krieg, die eine Demokratie führt, die ihr Gewissen zum Fenster 
 rausgeworfen hat. Sie führt ihn gründlich, unnachgiebig und 
 grausam."
 
 Bedenklich bei alledem ist, dass Maschke Text als Text 
 behandelt. Eine Schrift von 1926 wird genauso zitiert wie eine 
 von 1940, 1943, 1944, von 1960 oder von 1998. Sollen wir denn 
 die Publikationen aus der Zeit des "Dritten Reichs" 
 kommentarlos neben anderen zur Kenntnis nehmen? Dass es 
 Grabenkämpfe zwischen Schulen und Richtungen auch im 
 Dritten Reich und insofern einen gewissen Pluralismus gab, ist 
 bekannt. Doch was ist mit den grundsätzlichen Werthaltungen 
 und jener Grauzone, in der sich die Normen überschnitten, in 
 der sich die Wissenschaften sozusagen selbst gleichgeschaltet 
 hatten, ohne im engen Sinn "parteilich" zu sein? Andererseits: 
 Was Maschke an großenteils unbekannter und/oder 
 vergessener Literatur zu Tage fördert, ist bemerkenswert.
 
 Nur: Unbedingte Anhänger sind oft carlschmittianischer als C. S. 
 selbst. Bei Maschke ist alles in schönster Ordnung: Die 
 Westmächte haben einen diskriminierenden Krieg gegen das 
 Deutsche Reich geführt. Es galt ihnen nicht als "Feind", den man 
 mit einen "gehegten Krieg" nach alteuropäischen Normen 
 wieder in sein Territorium zurückweist, sondern als Verbrecher, 
 gegen den (fast) alles erlaubt ist. Und die Deutschen selbst? 
 
 Vielleicht sollte sich Maschke das "Glossarium" vornehmen - 
 Carl Schmitts Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1951 - 
 und die Eintragung vom 21. März 1948 studieren: "Der zweite 
 Weltkrieg war von Deutschland aus gesehen nicht nur ein 
 Zweifronten-Krieg, sondern auch ein zwei Kriegsarten 
 kombinierender Krieg. Hitler hat zwei Kriege zu führen versucht 
 (tölpelhaft, das für durchführbar zu halten): einen nicht 
 diskriminierenden Krieg gegen den Westen und einen 
 diskriminierenden gegen Russland und die slawischen Völker." 
 So wird es wohl gewesen sein; von der Verfolgung und 
 Ermordung der europäischen Juden ganz zu schweigen.
 
 
 

-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG

unsere Angebote (Amazon und Booklooker) finden Sie hier: 
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html


einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192



More information about the Juenger-list mailing list