[Juenger-list] literaturkritik: Zum Briefwechsel Ernst Jüngers und Friedrich Hielschers
T. Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Nov 29 14:59:54 EST 2005
literaturkritik.de 29.11.2005
Deutschsein als Amt
Zum Briefwechsel Ernst Jüngers und Friedrich Hielschers
Von Volker Strebel
In den vergangenen Jahren sind hervorragend edierte
Briefwechsel von Ernst Jünger mit Rudolf Schlichter, Carl
Schmitt oder Gerhard Nebel erschienen, und noch der greise
Ernst Jünger bedauerte in seinen Tagebüchern wiederholt, dass
er die Briefe Erich Mühsams eigenhändig dem Kaminfeuer
übergeben musste, da er Hausdurchsuchungen der Gestapo zu
gewärtigen hatte.
Umso gespannter war die Veröffentlichung der Korrespondenz
mit Friedrich Hielscher (1902-1990) erwartet worden, der mit
Ernst Jünger (1895-1998) seit den 20er Jahren nicht zuletzt
durch den gemeinsamen nationalistischen Aktivismus in
Verbindung stand. Der erhaltene Briefwechsel umfasst die
Jahrzehnte zwischen 1927 bis 1985, wobei freilich beträchtliche
Pausen einzuberechnen sind. Aus den 70er Jahren sind keine
Textzeugnisse vorhanden. Politisch aufschlussreich sind die
Briefe der 20er Jahre, die einen dokumentarischen Zugang zur
Rolle Jüngers aber auch Hielschers im tagespolitischen
Geschehen ermöglichen.
Nicht zuletzt an dieser Stelle kommt der vorliegenden Edition die
außerordentlich kundige Betreuung durch die Herausgeber
Stefan Breuer und Ina Schmidt zugute, die nicht nur mit einem
sachlichen Nachwort, das ganze Bücher zu dieser Thematik
ersetzt, brillieren, sondern sich auch durch eine kompetente
Kommentierung der Briefe auszeichnen. Wie die politische
Linke war auch die politische Rechte in jenen Jahren durch eine
außerordentliche Vielzahl von Gruppierungen, Abspaltungen und
Richtungskämpfen gekennzeichnet, die sich in einer schier
unübersichtlichen Zahl von oft kurzlebigen Verlagen, aber auch
Büchern, Kampfschriften und diversen Blättern wiederspiegelte.
Die Briefe von Jünger und Hielscher, der neben einer Vielzahl
nationalistischer Polemiken auch der Gründer einer
eigensinnigen Freikirche war, geben Einblick in taktische
Manöver, Intrigen aber auch in die Entwicklung politischer
Richtungen.
Die Weimarer Republik und vor allem der kulturelle Westen
bildeten den Hintergrund, von dem man sich abheben wollte.
Gemeinsamer Nenner Jüngers und Hielschers war die
Ablehnung der "nivellierenden Tendenzen der Demokratie". Das
Heil wurde in einer "deutschen Weltanschauung" gesucht, die
es auszuformulieren galt. In einer gesonderten Studie hat Ina
Schmidt Friedrich Hielscher ein kritisches Denkmal gesetzt. Sie
zeichnet die Entwicklung auf, die Hielscher und seinen Kreis im
Spannungsfeld zwischen Heidentum, neuem Nationalismus
und schließlich den Wiederstand gegen den
Nationalsozialismus nahmen. Bereits Ende der 20er Jahre
verstand sich Hielscher und sein Kreis - wie auch Ernst Jünger -
als ideologisch unversöhnlicher Gegner des Hitler'schen
Nationalsozialismus. Jünger schrieb am 5.4.1938 an Hielscher:
"In diesen Tagen leuchtete mir sehr schön ein das Wort: 'Die
Wüste wächst - weh dem der Wüsten birgt'".
Hielscher hatte das Deutschsein als "Amt" gesehen, das es
tätig zu erfüllen gelte. Somit gab es aus seiner Sicht auch
Deutsche, die dieses Amt nicht erfüllten: Kapitalisten sowie
Parteien und deren Vertreter, die sich lediglich am Nutzen und
Ertrag orientieren. Hielschers Widerstandskreis, der sich
zumeist aus Männern der bündischen Jugend zusammensetzte,
konstituierte sich bereits während der Machtübernahme Hitlers
im Jahr 1933. Das Konzept bestand in der Infiltrierung in
höchste militärische, politische aber auch wirtschaftliche Ämter
und Positionen. Einem der einflussreichsten Männer des
Hielscher-Kreises, Wolfram Sievers, war es gelungen, eine
bedeutende Stellung beim "SS-Ahnenerbe" zu erlangen. Offiziell
als Erforschung der Brauchtums- und Vorgeschichtsforschung
errichtet, gelang es Sievers durch diese Position immer wieder,
nicht nur Widerständler zu warnen und zu schützen, sondern
sogar jüdischstämmigen Deutschen zur Ausreise zu verhelfen.
Auch Hielschers Verhaftung im Jahr 1944 konnte durch Sievers
Einfluss aufgehoben werden. 1948 wurde Sievers zum Tode
verurteilt, nachdem ihn sein Widerstand nicht von den
Verstrickungen in Täterstrukturen entlasten konnte. Hielscher,
der sich mitschuldig an dessen gewaltsamen Tod gefühlt hatte,
konnte seinen Schüler bis zur letzten Stunde begleiten.
Dass Hitler und seine Gefolgschaft das deutsche Volk, dessen
Kultur und Geschichte in keinster Weise repräsentieren, war
Hielschers wie Jüngers Überzeugung: Von "Gesindel" ist in
ihren Briefen die Rede und von der "Schäbigkeit" der
Nationalsozialisten. Von der Front schrieb Ernst Jünger am
13.12.1939 an Friedrich Hielscher: "Sie gehören zu den
Wenigen, die von der Souveränität des Geistes noch eine
Vorstellung besitzen, ungeachtet aller Demonstrationen in der
empirischen Welt".
Ina Schmidt: Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein
Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und
Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
SH-Verlag, Köln 2004.
335 Seiten, 29,80 EUR.
Ernst Jünger / Friedrich Hielscher: Briefe 1927-1985.
Herausgegeben von Ina Schmidt und Stefan Breuer.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005.
556 Seiten, 34,00 EUR.
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