[Juenger-list] ZEIT: Jünger unter KP-Fahnen, EJ als väterlicher Freund von Neo Rauch
T. Wimbauer
wimbauer at web.de
Wed Dec 7 16:30:13 EST 2005
der ganze artikel hier: http://www.zeit.de/2005/49/Titel_2fRauch_49
und hier die jünger betreffenden passagen:
Deutsche Motive
Der Maler Neo Rauch ist im Ausland so erfolgreich, dass sich die Museen hierzulande seine Bilder kaum noch leisten können. Ein Atelierbesuch in Leipzig
Von Wolfgang Büscher
(...)
Sein Name ist nicht bloß unbequem gewesen für den elternlosen Jungen, der so hieß. Er ist ihm immer noch merkwürdig. »Ich bin ein Konservativer und heiße Neo: eine ironische Situation.«
Was heißt das denn: konservativ? Was heißt es, wenn einer wie Neo Rauch oder jemand wie Botho Strauß, mit dem er manchmal telefoniert, sich konservativ nennt? In den Bildern, in den Stücken ist es nicht. Es gibt keine konservative Kunst. Progressive schon. Es gibt nicht einmal ein konservatives Kontinuum in Deutschland, nur einige ältere, konsequent Krawatte tragende Einzelgänger oder?
»Es gibt keinen Konservatismus mehr.«
Nur ein paar Konservative. Ein paar Haltungen. Telefonate. An der Wand hängt ein neues Großformat, noch ganz roh. »Ein Embryo, heute angefangen.« Ein grünliches Fenster, dahinter ist es dunkel, davor licht.
»Was wird es?«
»Unsere momentane Situation. Zwei Personen, ein Interview. Geführt mit dem Spinnweb der Vorsicht und dem Panzer der Lust.« Ein Ernst-Jünger-Zitat. So beschrieb Jünger seine Unlust auf Interviews. Auf eine Art von Gespräch, das sich nicht entzündet, weil zwei einander nur belauern.
Rauch nennt Jünger einen väterlichen Freund. »Ich verdanke ihm viel. Er hat in den frühen Neunzigern in meine Arbeit direkt hineingewirkt. Als ich Gefahr lief, in so einem halb abstrakten Allerweltsbereich unterzutauchen und mich tausend Sonntagsmalern
anzugleichen. Als ich mich darum mühte, was mich charakterisiert, war er meine Begleitstimme.«
Sein stereoskopischer Blick. Sein Sowohl-als-auch. Seine phänomenologische Qualität, seine analytische Schärfe. »Es kommt mir so vor, als sehe Jünger die Welt aus dem Innern eines Kristalls.«
Es gibt eine ferne Nähe, eine private. Der Großvater seiner Frau war ein Freund von Jünger. Dieser Richard Scheringer wählte sich einen Lebensweg auf dem vulkanischen Sankt-Andreas-Graben des 20. Jahrhunderts, mal rechts, mal links davon. Daher kannten sie sich. »Eine lebenslange Männerfreundschaft über alle Lager hinweg Schwiegeropa war nach dem Krieg ein hoher DKP-Funktionär in Bayern.«
Leutnant der Schwarzen Reichswehr. Putschversuch gegen die Republik. Festungshaft. Dort saßen Nazis wie Kommunisten ein, Letztere bearbeiteten ihn: Deine Nazis bearbeiteten ihn: Deine Nazis schwindeln, das mit dem nationalen Sozialismus ist leeres Gerede. Ihm war aber der Sozialismus im Parteinamen wichtig.
Er nahm Hafturlaub das gab es! und den Zug nach München, um selbst im Braunen Haus nachzusehen, wie es darum bestellt sei. Mit ihm fuhr zufällig Goebbels, man kannte sich. Goebbels hatte einen Obstkorb mitgebracht für die Reise. Und Scheringer hatte seinen Festungskameraden gesagt, wenn er wiederkäme und das Deutschlandlied pfeife, folge er der Partei. Pfeife er aber die Internationale, hätten sie Recht, und er werde von Stund an Kommunist. Er pfiff dann die Internationale.
»Was ihn nicht hinderte, als Offizier an der Ostfront gegen seine sowjetischen Genossen zu kämpfen, er wurde sogar mehrfach ausgezeichnet. Was ihn aber auch nicht hinderte, zugleich auf seinem Hof Leute vom Widerstand zu verstecken und Kontakt mit der Weißen Rose zu halten.«
Nach dem KPD-Verbot ging er wieder ins Gefängnis. Und als seine DKP gegen die Nato-Nachrüstung mobilisierte, habe er Jünger bestürmt: »Kamerad Ernst, reih dich ein!«
»Jünger wird doch nicht etwa
?«
»Jünger antwortete, er werde in seinem Leben hinter keiner Fahne mehr herlaufen.«
Ganz stimmte das nicht. Als sein Freund 1986 starb, erschien er zum kommunistisch dekorierten Begräbnis. Es war wohl das einzige Mal, dass man Ernst Jünger unter KP-Fahnen sah.
(...)
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