[Juenger-list] Süddeutsche Zeitung: Der Briefwechsel von Ernst Jünger und Friedrich Hielscher
T. Wimbauer
wimbauer at web.de
Wed Aug 24 07:51:21 EDT 2005
hier doch im Volltext; herzliche Grüße tw
Süddeutsche Zeitung, Nr. 194 Mittwoch, 24. August 2005
Liebesrot des Pfingstfeuers
Der Briefwechsel von Ernst Jünger und Friedrich Hielscher
In diesen Briefen geht es konspirativ zu: Es ist Frühjahr 1927,
Ernst Jünger und Friedrich Hielscher tauschen Lageberichte
über den "Arminius-Kriegsschauplatz". Der "Arminius", das ist
die "Wochenschrift für deutsche Nationalisten", für die der
Weltkriegsheld Jünger als zugkräftiger Herausgeber zeichnet
und in der Hielscher Glossen und Aufsätze publiziert. Nun soll
das Blatt von einem Strohmann des Freikorpsführers Hermann
Ehrhardt übernommen werden, jenes Mannes, der 1920 am
Kapp-Putsch beteiligt war und dessen "Organisation Consul"
hinter dem Mord an Wolfgang Rathenau steckte. Das provoziert
den Widerstand Ernst Jüngers, der in diesen Jahren tief
verstrickt ist in das Spinnennetz der rechten Szene. Er steht den
illegalen Kampfbünden und Wehrverbänden nahe, äußert
unverhohlen Sympathie für den Terror von rechts und hofft auf
ein gewaltsames Ende der Weimarer Republik durch eine
nationalistische Revolution. Demonstrativ will Jünger die
Herausgeberschaft des "Arminius" niederlegen - weil ihm der
Legalitätskurs, den die Männer um Ehrhardt eingeschlagen
haben, zu zahm ist. Und Friedrich Hielscher ist sein getreuer
Informant, der ihm ausführliche Berichte über den Berliner
"Kriegsschauplatz" nach Leipzig sendet.
Die Zeit der politischen Publizistik Ernst Jüngers in der zweiten
Hälfte der 1920er Jahre gewinnt durch diesen Briefband, den Ina
Schmidt und Stefan Breuer herausgegeben und vorzüglich
kommentiert haben, deutlich an Umrissschärfe. Es ist eine Zeit
der Radikalität und der Gärung. Auch in Zwiegesprächen
zwischen Jünger und Hielscher werden großräumige
geopolitische Phantasien durchgespielt, Bündnisse mit linken
Nationalisten und das Zusammengehen mit "Asien" erwogen.
Stets geht es um den "Erdkrieg" oder wenigstens den Umsturz
der politischen Verhältnisse, auf den die "neuen Nationalisten"
sehnlichst hoffen.
Beim Lesen der Korrespondenz offenbart sich erneut, wie
brüchig das Fundament der Weimarer Demokratie war, aber
auch, wie vielschichtig die rechte Szene vor 1933. Überall lauern
Winkelzüge und Intrigen: "Ein einziger Fehltritt beim Kampf um
den deutschen Gedanken kann den Absturz bringen", raunt
Hielscher im April 1927. Schließlich tritt Jünger als Herausgeber
des "Arminius" zurück und warnt Hitler und Goebbels vor einem
finanziellen Einstieg. Er denkt sogar daran, "über den
Nationalsozialismus" einen Vorstoß gegen die Ehrhardt-Leute
zu unternehmen und deren dubiose Geldquellen offen zu legen.
"Greifen Sie an, wie sei wollen, aber nicht über die
Nationalsozialisten!!! (...) Denn die sind noch dümmer als
Ehrhardt", hält ihm Hielscher sogleich entgegen.
Friedrich Hielscher bewundert den Autor der "Stahlgewitter" und
ist zugleich ein eigenständiger Kopf. Ina Schmidt hat ihm im
letzten Jahr eine ausführliche Monographie gewidmet (SZ vom 2.
Feb. 2005). Seine Jugend stand im Zeichen der Radikalisierung,
aber auch der Ambivalenz: 1919 wurde er Freikorpskämpfer,
verließ aber aus Protest gegen den Kapp-Putsch den
Kampfbund. Er studierte Jura in Berlin und hörte Vorlesungen
beim Politik-Professor Theodor Heuss. 1927 verließ er den
Staatsdienst, wurde politischer Publizist für Organe der
politischen Rechten und zudem Stifter einer neuheidnischen
Freikirche.
Die eigenwillige Verbindung von Mystik und Realpolitik mochte
Jünger an Hielscher faszinieren - sie stieß ihn aber auch so
manches Mal vor den Kopf. Im November 1929 schlägt er
Hielscher vor, in einen programmatischen Briefwechsel über
den "modernen Nationalismus" einzutreten. Fünf Tage später
reagiert Hielscher mit einem ausufernden
theologisch-politischen Traktat. Rasch lässt Jünger die
Diskussion versanden - Nietzsches Wille zur Macht ist für ihn
entscheidender als jedes Glaubensbekenntnis.
Nach 1933 wahren Jünger und Hielscher deutliche Distanz zum
Regime. Auch in den Briefen fehlt es nicht an eindeutigen, ja
unvorsichtigen Äußerungen. Jünger vergleicht das Jahr 1935 mit
einer "metaphysischen Hungerkur". Wer sich nun nicht "aus
eigener Substanz" ernähren könne, sehe sich gezwungen,
"Dreck zu fressen".
Einsam im Schwarzwald
Immer werden aktuelle politische Vorgänge in übergeordnete
geschichtsphilosophische Spekulationen eingewoben. Im
Oktober 1939 schreibt Jünger den ungerührten Satz, der Krieg
sei übrigens "doch nur Kulisse viel mächtigerer Vorgänge in der
Welt". Daneben stehen liturgische Kuriosa des selbst ernannten
Kirchenoberhaupts Hielscher über die Verwandtschaft von
Farben, Jahreszeiten und Festtagen: "Dem Liebesrot des
Pfingstfeuers gesellt sich das Lichtgrün der Birke, des
magdlichen Baums. Der Sommer ist schwarz wie Brand und
Kohle." An Passagen wie dieser wird Jünger die "ungemeine
Verschiedenartigkeit bewußt, mit welcher wir den Dingen wie
der Welt gegenüberstehn".
Friedrich Hielscher war versponnen, aber kein Wirrkopf. Über
den politischen Widerstand seiner "Unabhängigen Freikirche"
im Dritten Reich teilt der Briefwechsel wenig mit. Einige seiner
Jünger besetzten wichtige Funktionen im NS-Apparat - bis hinauf
zu Himmlers "Ahnenerbe". Hielschers Gruppe half
erwiesenermaßen Kommunisten und Juden zur Flucht,
kompromittierte sich aber auch durch ihre Kontakte.
1949 verfasste Ernst Jünger ein Leumundszeugnis für
Hielscher, aus dem hervorgeht, dass ihn dieser 1943 in Paris
detailliert über die Zustände im Ghetto von Lodz und die
Vernichtungsaktionen im Osten informierte. Die Korrespondenz
zeigt auch, wie sich Jünger, der frühere Parteigänger des
Rechtsterrorismus, von Gewalt und Unterdrückung im Namen
höherer politischer Zwecke abwendet. Im Kalten Krieg hält er
den "Hass auf die Russen" für unheilvoll - ebenso wie die
Oder-Neiße-Grenze, denn ohne die Gebiete im Osten sei
Deutschland ein "lebensunfähiger Torso".
In den Nachkriegsjahren nimmt der Briefwechsel an Intensität
ab, dauert aber bis ins Jahr 1985 an. Um diese Zeit verliert
Friedrich Hielscher seine letzten Anhänger. Seit Mitte der
sechziger Jahre wohnt er auf einem einsamen Gehöft im
Schwarzwald - die Einladung zu einem Besuch wehrt Jünger
unter Hinweis auf die schwierige Anreise ab. 1990 starb
Friedrich Hielscher, sein Briefpartner hat ihn bis zuletzt als eine
"höchst absonderliche und wohl auch manische, doch geistig
selbständige Kraft" geschätzt.
RALF BERHORST
ERNST JÜNGER, FRIEDRICH HIELSCHER: Briefe 1927-1985.
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort
versehen von Ina Schmidt und Stefan Breuer. Klett-Cotta Verlag,
Stuttgart 2005. 548 Seiten, 34 Euro.
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