[Juenger-list] rezension EK: Wolfgang Harich, Ernst Jünger - und Stefan Dornuf

T. Wimbauer wimbauer at web.de
Tue Aug 16 10:20:55 EDT 2005


Rezension der Eisernen Krone (  http://www.eisernekrone.tk ) zu Stefan Dornufs Vortrag über Harich und Jünger (war auch dem LUMINAR zum Abdruck angeboten worden).
schöne Grüße rundum, tw


 
 Wolfgang Harich, Ernst Jünger - und Stefan Dornuf
 
 Arbeitskreis Marxistische Theorie und Politik (Hg.): Das 
 Wolfgang Harich Gedenk-Kolloquium November 2003. Ein 
 Konferenzbericht mit Beiträgen von Stefan Dornuf, Peter Feist, 
 Meno Hochschild, Hannes Hofbauer, Peter Marquardt und 
 Siegfried Propkop. Schriftenreihe Marxistische Theorie und 
 Politik Nr.3, Berlin 2005.140 Seiten, broschiert, 8 Euro (+ Porto); 
 Bestelladresse: Peter Feist, Alt-Friedrichsfelde 35, D-10315 
 Berlin.
 
 
 Am 9. Dezember des Jahres 2003 wurde in Berlin von einem 
 "Arbeitskreis Marxistische Theorie und Politik" ein 
 Gedenk-Kolloquium für Wolfgang Harich abgehalten, aus Anlaß 
 seines 80. Geburtstages. Die Vorträge sind nun, ergänzt um 
 wenige zusätzliche Beiträge, nun als "Konferenz-Bericht" 
 erschienen. Wolfgang Harich (1940-1995) war wohl einer der 
 bedeutendsten materialistischen Denker Deutschlands, er 
 kommt aus der Lukacs-Schule und das hat ihm in der DDR 
 ebenso viel Ärger eingebracht, wie es auch dafür sorgte, daß er 
 nicht zuletzt aufgrund seiner Gegnerschaft zur "Frankfurter 
 Schule" im Westen Deutschlands auch nicht "heimisch" werden 
 konnte. Über den philosophischen Rang soll hier nicht 
 entschieden werden. Für uns haben materialistische Denker, 
 soweit sie nicht stereotyp Vor-Urteile der sogenannten 
 "Klassiker" (des Marxismus) wiederkäuen, dann Geltung und 
 Anspruch auf ein gewisses Interesse, sofern sie innerhalb des 
 real existierenden Materialismus dieser Geschichtsepoche 
 imstande sind diesen auf seiner eigenen Grundlage zu 
 analysieren und zu kritisieren. Jede geschichtsphilosophische 
 Transzendenz muß ihnen hingegen abgesprochen werden.
 
 Das Themenspektrum der publizierten Vorträge reicht von 
 Harichs Kritik des "Einsteinschen Schwindels" (Zitat Harich), 
 über einen Vorschlag Harichs zur Lösung des Nahostkonflikts 
 auf Kosten Deutschlands, bis zu Beiträgen zu Wolfgang Harichs 
 engagierte Debatten um Friedrich Nietzsche und seine Attacken 
 gegen Ernst Jünger, und nur um das zuletzt genannte Thema 
 soll es hier kurz gehen.
 
 Stefan Dornuf beginnt seinen Vortrag über "Wolfgang Harich und 
 Ernst Jünger" damit, daß er eben diesen "dem Andenken des 
 unlängst verstorbenen Armin Mohlers" widmet - im Publikum 
 DDR-Prominenz wie Hans Modrow, Gisela May und Arnold 
 Schölzel - und berichtet von einem von ihm einst geplanten, aber 
 nicht zustande gekommenen Mohler-Harich-Kolloquium zum 
 Thema "Wider die liberale Nietzsche-Verfälschung", das 
 allerdings von Harich abgelehnt wurde. Dieser wollte nicht mit 
 jemandem auftreten, "der dem Dritten Reich keine eindeutig 
 ablehnende Haltung" einnahm, obwohl er in der 
 Nietzsche-Kernthese mit Mohler übereinstimmte (Nietzsche als 
 bedeutender Vorläufer des Faschismus).
 
 Daß Harich im allgemeinen nicht so große Berührungsängste 
 gegen eine bestimmte Kategorie Rechter oder Anti-Modernisten 
 hatte, ist bekannt. Vor allem natürlich ist hier Harichs Eintreten 
 für die Polit-Zoologie Arnold Gehlens (deren Grundgedanken 
 von dem Haeckel-Anhänger Alsberg stammt) zu nennen, die 
 allerdings dem traditionellen europäischen Menschenbild 
 entgegengesetzt, atheistisch und materialistisch (biologistisch, 
 doch hinreichend ins Soziologistische abgebogen um für 
 Marxisten tragbar zu sein) ist. Wie wir von Dornuf erfahren, trat er 
 aber auch für die Rehabilitierung der großen Lyrikerin Agnes 
 Miegel ein. 
 
 Warum also die scharfe Wendung Harichs gegen Ernst Jünger? 
 Wir erfahren es aus dem Referat nur ungenau, da Dornuf 
 permanent seine eigene mit Harichs Haltung vermischt. Dornuf 
 selbst lehnt sich an Carl Schmitt an, den er zuungunsten 
 Jüngers herausstreicht (Armin Mohler hätte zumeist 
 zugestimmt). Dornufs - und in diesem Fall wohl auch Harichs - 
 Kritik an der zweiten Karriere Ernst Jüngers in der 
 Bundesrepublik könnte auch aus Carl Schmitts "Glossarium" 
 stammen, das er "mitsamt seinen rabiaten anti-jüdischen 
 Ausfällen, eine gerade herzerfrischende Lektüre, ein wahres 
 Labsal" - nur im Vergleich zu Jüngers Selbststilisierungen 
 wohlgemerkt - nennt. 
 
 Auch dürfte ja Carl Schmitt nicht wirklich vom Autor Jünger 
 begeistert gewesen sein, seine anderen literarischen Vorlieben 
 sind bekannt. Die tatsächlichen stilistischen Qualitäten Jüngers 
 verzeichnet Dornuf jedoch beträchtlich, indem er dessen 
 mangelhafte erzählerische Komponente - zugegeben - und 
 seine ebenso mangelhafte Fähigkeit der Beobachtung kritisiert. 
 Und hier liegt doch ein Mißverständnis vor, denn "seltsam 
 unsinnlich", wie Dornuf sagt, sind Jüngers platonische 
 Betrachtungen zwar vielleicht, obwohl sie gleichwohl nicht dem 
 Symbolismus zuzurechnen sind, aber sie fallen in eine Jünger - 
 nicht völlig - eigene Kategorie, die man als inspirierten 
 Solipsismus bezeichnen könnte und die für viele Jünger-Leser 
 wohl den Reiz seiner Beschreibungen ausmacht, die aber 
 eingefleischten Materialisten nur sehr schwer zugänglich sein 
 dürften. Daß deren Wurzeln nicht zuletzt bei dem "Magus des 
 Nordens", Johann Georg Hamann liegen, hat er selbst oft betont 
 (neben vielen anderen deklarierten "literarischen Vorbildern" und 
 Anlehnungen, die ziemlich in die Irre führen können, wie die 
 "Jüngers Lektüren"-Serie in der "Jungen Freiheit" beweist). 
 Außerdem ist es der oftmals deutlich sichtbare "Wille zum Stil" 
 Jüngers, der offenbar Dornufs Mißfallen findet. Hier muß jedoch 
 zumindest anerkannt werden, daß Jünger ausführlich Stilfragen 
 aufwirft und diskutiert, über die Rolle des Autors reflektiert, etwas 
 was doch von jemanden, der sich selbst wie ein Blender als 
 Genie präsentieren will, nicht erwartet werden könnte. Auch 
 Jüngers Tagebücher zeigen oft den Autor bei der Arbeit und 
 keine fertig polierten Ausstellungsstücke - obwohl es auch 
 solche gibt. Hier ist der "Anti-Modernist" Jünger moderner als es 
 vielleicht Harich, ganz sicher aber Dornuf zugänglich ist. 
 
 Auf der entscheidenden, der politischen Ebene war Harichs 
 Protest gegen die "Friedensschrift", die ehemalige 
 Programmschrift der Hochverräter des 20. Juli, nach dem Kriege 
 wohl verständlich, erschien diese doch nun, nach der 
 Kapitulation, weniger ein Aufruf zum Frieden als ein Angebot an 
 die Westmächte zur gemeinsamen Front gegen die Sowjetunion 
 zu sein. Am ergiebigsten inmitten der "Waberlohe von Jüngers 
 mystifizierendem Geraune" sind für Dornuf nur die Passagen 
 der "Friedensschrift", die auf Schmitts Kritik am 
 "diskriminierenden Kriegsbegriff" zurückgehen. Allerdings fällt 
 einem hier, wie in weiten Teilen des Beitrages, wieder ein, daß 
 es eigentlich um Harich und Jünger, und nicht um Stefan Dornuf 
 - eine nicht allzubekannte Größe - gehen sollte. Über Harichs 
 Motive für seine Attacken - denn seine Abneigung gegen die 
 politische Ausrichtung Jüngers einmal vorausgesetzt, ist das ja 
 noch kein zureichender Grund für einen tatsächlichen 
 publizistischen Einsatz - erfahren wir nichts Näheres. 
 Stattdessen geht Dornuf relativ ausführlich auf Jüngers 
 Anmerkungen zu Harichs Attacke im zweiten Band der 
 "Strahlungen" ein. Dornufs Behauptung, Jünger hätte 
 nachträgliches Wissen über Harich und die Entwicklung der 
 "Zone" auf das Jahr 1948 rückprojiziert, läßt sich schwer 
 nachprüfen, einen schlüssigen Beweis liefert er nicht. Es gibt ja 
 ein gewisses Problem mit dem "rückwirkenden Prophetentum" 
 von nachträglich publizierten Tagebüchern, das sich immer nur 
 materiell - durch die Heranziehung der Originalaufzeichnungen - 
 lösen läßt. 
 
 Aber eine Bemerkung Dornufs ist so atemberaubend, daß sie 
 noch verdient festgehalten zu werden. Jüngers Satz, Harich 
 "(philosophiere) offensichtlich mit Behagen vor dem Eingang 
 einer Schinderhütte", entgegnet Dornuf tatsächlich das 
 unglaubliche "Argument", daß "eine volle Dekade vor dem XX. 
 Parteitag der KPdSU und Chrustschows Geheimrede mit ihrer 
 Enthüllung über die Stalin-Ära" eine Kritik an den Lagern und 
 Gefängnissen des Kommunismus dem "jungen Mann" 
 zuzumuten, "infam" sei - ganz so als ob umgekehrt bis zum 
 Nürnberger Siegertribunal jedes Wissen von den Verbrechen im 
 nationalsozialistischen Deutschland ebenso unmöglich und für 
 die nationalsozialistischen Publizisten entschuldigend gewesen 
 wäre. Hier ersetzt die Parteilichkeit leider jede Urteilsfähigkeit 
 und was 1948 im Weltbürgerkrieg ein legitimer ideologischer 
 Kampf um Westintegration und Wiederaufrüstung der gerade im 
 Entstehen begriffenen BRD war ("hinter den 
 Friedensschalmeien des vorgeblich Bekehrten lauert eine neue, 
 zunächst ideologische Aufrüstung, die, im Signum des 
 Totalitarismus, den braunen mit dem roten Terror, den 'Blut'- mit 
 dem 'Klassenhaß' identifiziert", so Harichs Kritik in den Worten 
 Dornufs) verkommt fast sechzig Jahre später zur Unaufrichtigkeit 
 durch die unterschiedliche Anwendung des Maßstabes. 
 
 Martin Schwarz
 
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