[Juenger-list] FAZ 01.08.2005 Carl Schmitt "Un detail nazi dans la
pensee de Carl Schmitt"
T. Wimbauer
wimbauer at web.de
Mon Aug 1 04:06:31 EDT 2005
Ein Vordenker der Endlösung?
Ein neues Debattenfeuer ist in Frankreich um Carl Schmitt ausgebrochen. Während der Streit um Emmanuel Fayes philosophisch dürftigen Nachweis eines angeblich nationalsozialistischen Geheimmusters im Gesamtwerk Heideggers weitergeht (F.A.Z. vom 20. Juni) und die französische Heidegger-Gemeinde um Francois Fedier bei Gallimard schon eine detaillierte Entgegnung ankündigt, tritt mit Carl Schmitt jetzt eine weitere Symbolfigur nationalsozialistischer Parteinahme in den Blick. Der politisch zwielichtige Rechtsphilosoph, der in den siebziger Jahren der französischen "Nouvelle Droite" um Alain de Benoist intellektuell zu neuem Auftrieb verhalf, wird mittlerweile auch von den Vertretern einer linksradikalen Liberalismuskritik wie Toni Negri aufmerksam gelesen. Etienne Balibar, Althussers Begleiter durch den Marx-Kommentar "Das Kapital lesen", hat unlängst zur französischen Neuausgabe von Schmitts "Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes" das Vorwort verfaßt.
Hier setzt die französische Auseinandersetzung an. Ist Carl Schmitt dabei, dem theoretisch verwaisten Lager einst linker Systemkritik ein Ersatzinstrumentarium für den Kampf gegen die marktgesteuerte Formaldemokratie zu liefern? Haben - wie der Philosoph Robert Redeker, Redaktionsmitglied der "Temps Modernes", schreibt - die Würdenträger des Geistes im Sinne Julien Bendas ihre Säkularisierung verfehlt und nach Marx in Denkern wie Carl Schmitt neue Vorbilder gefunden, um die alten, jenseitsorientierten Absolutheitsansprüche gesellschaftlich-politisch zu retten? Begriffs- und Horizontbereinigung ist tatsächlich notwendig. Gerade deshalb sollte sie aber mit fein geschliffenen Instrumenten durchgeführt werden.
Unter dem ironisch grellen Titel "Un detail nazi dans la pensee de Carl Schmitt" hat der Politologe und Herausgeber der Zeitschrift "Cites", Yves Charles Zarka, bei den Presses Universitaires de France eine Studie veröffentlicht, die mit Carl Schmitt in ähnlicher Form aufs Ganze geht wie Faye mit Heidegger. Schmitts Werk sei von Grund auf nationalsozialistisch geprägt, schreibt Zarka: Schon vor dem Machtantritt der Nazis "führte sein Denken dorthin, danach blieb es darin verhaftet, zumindest teilweise". Zarka präsentiert seine Studie als Skizze eines umfangreichen, noch kommenden Buchs "Contre Carl Schmitt". Im Mittelpunkt dieses Vorgriffs steht die Analyse zweier Texte Schmitts aus dem Jahr 1935: des Kurzaufsatzes "Die Verfassung der Freiheit" aus der Deutschen Juristen-Zeitung und des Vortrags "Die nationalsozialistische Gesetzgebung und der Vorbehalt des ,ordre public' im Internationalen Privatrecht", der ein Jahr später in der Zeitschrift der Akademie für Deutsches Recht erschien.
Daß Schmitt in diesen beiden Texten die Nürnberger Diskriminierungsgesetze vom September 1935 über die deutsche Staatsbürgerschaft und Volkszugehörigkeit rechtsphilosophisch legitimiert, liegt auf der Hand. Er begrüßt im Ergebnis des Reichsparteitags die Rückkehr zur wahren Freiheit, nach Jahrhunderten bloßer parlamentarischer, volkszersetzender "Liberalitäten". Sein ganzes Talent setzt der Rechtsgelehrte hier dazu ein, die Maßnahmen zum Schutz des "deutschen Blutes" und der "deutschen Ehre" zu rechtfertigen und darzulegen, daß sie auch internationalen Rechtsnormen nicht widersprechen würden.
An diesen theoretisch aufwendigen Versuch, den nationalsozialistischen Tatbestand der "Rassenschande" zu legitimieren, knüpft Zarka an und macht aus Carl Schmitt nun bedenkenlos so etwas wie einen Vordenker der Endlösung. Er übernimmt dafür den Schmittschen Feind-Begriff aus dem Buch "Der Begriff des Politischen", folgert, ein solcher Feind könne in Schmitts Logik nur "physisch vernichtet" werden, und identifiziert den in den Texten von 1935 ungenannt bleibenden Feind eindeutig als die Juden. Zugleich macht Zarka einen Begriff explizit, den zu nennen Schmitt ebenfalls vermieden hat. Der "Rassenfeind", vor dem das deutsche Volk geschützt werden müsse, schreibt Zarka, sei ein "ennemi substantiel": eine implizite Figur, die auch nach dem Krieg bei Schmitt weitergewirkt und bis hin zum Buch "Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum" sein Denken unrettbar infiziert habe.
Manche französischen Kritiker haben gegen dieses Auslegungsverfahren Einspruch erhoben, nicht wenige sind ihm vorbehaltlos gefolgt. Zarka habe den "substantiellen Nazi" Carl Schmitt bloßgestellt, schreibt der Politologe Pierre-Andre Taguieff. Das von Zarka aufgedeckte "Detail" sei genug, der deutsche Rechtsphilosoph sei auf immer disqualifiziert, bestätigt der zuständige Philosophiekritiker von "Le Monde". Einige wie Robert Redeke räumen ein, trotz seiner widerwärtigen Biographie habe Schmitt mit dem "Nomos"-Buch oder der "Politischen Theologie" doch Werke von bleibendem Wert hinterlassen. Gerade in Frankreich müßte man das wissen. Eine ebenfalls in diesem Frühjahr erschienene politische und intellektuelle Biographie Carl Schmitts von David Cumin ("Carl Schmitt - Biographie politique et intellectuelle". Les Editions du Cerf, Paris 2005. 244 S., geb., 30,- [Euro]) untersucht mit Feingefühl, philosophischem Tiefblick und ohne Tabu den komplizierten Weg eines nationalistischen Ornamentkatholiken. Er liest Schmitts dezisionistische Siegesgewißheit als Ausdruck trotzig gescheiterter Spekulation. JOSEPH HANIMANN
Text: F.A.Z., 01.08.2005, Nr. 176 / Seite 34
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