[Juenger-list] FAZ 01.08.2005 über A. Paul Weber
T. Wimbauer
wimbauer at web.de
Mon Aug 1 04:05:03 EDT 2005
Text: F.A.Z., 01.08.2005, Nr. 176 / Seite 38
Zweischneidig Schwert für alle an der Macht
Der Rabe als Prophet: A. Paul Webers "Britische Bilder" und die deutsche Propaganda/Von Frank-Rutger Hausmann
Heinrich Andreas Paul Weber (1893 bis 1980) ist einer der bedeutendsten Graphiker und Maler des vergangenen Jahrhunderts, als Illustrator und Karikaturist sucht er seinesgleichen. Dank der jüngsten Studien von Thomas Noll, Helmut Schumacher und Klaus J. Dorsch sind Leben und Werk des Künstlers sehr gut erforscht. Dennoch bleiben unklare Konturen, die der Aufhellung harren. Dazu gehören Entstehungsgeschichte und Wirkungsabsicht von Webers antienglischem Zyklus "Reichtum aus Tränen (Britische Bilder)", der Anfang 1941 erschien und, in mehrere westliche Sprachen übersetzt, in verschiedenen Ausgaben im Inland und im neutralen Ausland verbreitet wurde.
Das Lob der regimetreuen Kritik war einhellig: "Wir haben heute auf dem Gebiet der politischen Karikatur in Deutschland nichts, das wir dieser scharfen, peitschenden Phantasie an die Seite stellen könnten", urteilte "Die Kunst im Deutschen Reich" im März 1941. Man versteht auf den ersten Blick, was den offiziösen Kunstrichtern gefiel: In vier Motiv-Gruppen wird das Britische Empire als eine Art Potemkinsches Reich porträtiert, hinter dessen glänzender Fassade sich Verfall und Verelendung breitmachen.
Zur Gruppe "Sinnbilder" gehören "Der Tower", "Die Börse" und "Die Kathedrale" als die Pfeiler der englischen Stärke. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, daß es sich um Kulissen aus Pappe und Brettern handelt, die von Raben umkreist werden und nur dürftig das Elend der Massen verbergen. Die zweite Gruppe, "Der Weg zur Weltmacht", bietet Episoden aus der englischen Geschichte, die von Blut getränkt ist. Die Stichworte lauten Sklavenhandel, Pax Britannica, Opiumkrieg und Secret Service; die Unterdrückten heißen Araber, Buren, Iren, Chinesen und Inder. Die Karikaturen konfrontieren den Betrachter mit der Bauernaustreibung in Schottland, dem Weberelend in Lancashire, der Minenarbeit in Wales, den Slums der Londoner Vorstädte, zeigen ihm aber auch die goldenen Paläste von Windsor und Westminster, wo die Führungsschicht in Saus und Braus lebt. Der letzte Teil, "Zerfall", kulminiert in einem visionären Blatt "Das Ende", auf dem ein Totenschädel mit eingedrücktem Hut und zerbrochener Brille in den Fluten versinkt, auf denen waidwunde Schlachtschiffe dümpeln, während an Land die Skelette zerbombter Häuser einen düsteren Totenwald evozieren. Erinnerungen an Dünkirchen sind unübersehbar.
Die Freunde Webers haben damals wie später - nicht unwidersprochen - die "Britischen Bilder" als einen Spiegel interpretiert, den der Künstler den Deutschen vorhielt, "um aufzuzeigen, wohin letztlich mit einem ,Schuß nach hinten' imperialistische Angriffskriege führen können". Ihr Thema sei nicht nationalsozialistische Propaganda, sondern "der Tod einer europäischen Vorherrschaft". Weber selber hat sich vehement gegen den Vorwurf verteidigt, seine Feder den Nazis zur Verfügung gestellt zu haben. Er betonte das Eigene seiner Kunst und wies darauf hin, daß er als Freund von Ernst Niekisch Ende 1937 in Hamburg-Fuhlsbüttel, Berlin und Nürnberg inhaftiert und danach von der Gestapo observiert worden sei: "Die Annahme, ich hätte die Englandbilder dem Hitler zur Propaganda gearbeitet, ist ein dummer Kohl - haben Millionen Soldaten dem Adolf zuliebe geschossen - Bomben geworfen - getötet? Oder taten sie es für Deutschland?"
Weber, der Soldat des Ersten Weltkriegs, war Patriot, kein Chauvinist. Die nationalbolschewistischen Ideen von Niekisch teilte er zwar nur bedingt, aber er war sicherlich ein Gegner des Nationalsozialismus. Zu Niekischs Diatribe "Hitler, ein deutsches Verhängnis" hatte er die Illustrationen beigesteuert. Auf dem Umschlag hebt ein überdimensioniertes Totengerippe in SA-Uniform mit Hitlers Zügen die Knochenhand zum Hitlergruß. Wenn Weber Hitler als Tod darstellte, ging er weit über Niekisch hinaus, für den der Nationalsozialismus vor allem eine kleinbürgerliche Ideologie war, "kein Ausbruch aus der bürgerlichen Gesellschaft, sondern eine äußerste Anstrengung, in ihr zu verharren". Weber, der eine sechsköpfige Familie zu ernähren hatte, tat gut daran, den nationalsozialistischen Staat nicht zu reizen. Er hielt sich mühsam mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, wobei ihm der Hamburger Industrielle Alfred Toepfer zahlreiche Aufträge zur Ausgestaltung seiner diversen Bauernhöfe mit Wandgemälden und Möbeln zukommen ließ.
Erst mit den "Britischen Bildern" gelang Weber der Durchbruch, wurde ihm die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil, nach der er sich immer gesehnt hatte. Er sah, darin ganz von Niekischs antiwestlichen und antiimperialistischen Ideen beeinflußt, das Britische Weltreich kritisch als Prototyp der bürgerlichen Staats- und Gesellschaftsordnung der Westmächte. Dementsprechend legte er seinen Bilderzyklus an. Glaubt man der Forschung, begann Weber ohne fremden Auftrag bereits vor Kriegsausbruch mit seiner Arbeit. Aus einem Brief vom 8. Februar 1940 an Karl Epting, einen der Leiter der "Deutschen Informationsstelle" in Berlin, geht nun aber hervor, daß Weber sich Mitte Dezember 1939 mit den ersten acht Blättern nach Berlin begeben hatte, um sie der deutschen Propaganda zur Verfügung zu stellen. In diesem Schreiben bezeichnete er seine politischen Zeichnungen als seine eigentliche Berufung und bekundete Bedauern darüber, daß er sich seit zwanzig Jahren mit Belanglosigkeiten "durchwürgen" müsse.
Offensichtlich war Epting an Weber herangetreten, um ihn für seine umfangreiche Propagandaarbeit zu gewinnen. Unter dem Namen Matthias Schwabe veröffentlichte Epting selber eine fünfundzwanzig Hefte umfassende Serie "Frankreich gegen die Zivilisation", zu der so sprechende Bände wie "Frankreich, Zentrale des internationalen Mädchenhandels", "Der Kreuzzug der französischen Kardinäle" oder "Rauschgift und Verbrechen in Frankreich" gehörten. Die "Deutsche Informationsstelle" war unmittelbar nach Kriegsausbruch gegründet worden und sollte Material zur Aufklärung des Auslandes durch Wort, Schrift, Rundfunk, Film oder in sonstiger Weise herstellen und verbreiten. Sie wollte die Lektion des Ersten Weltkrieges beherzigen, als Deutschland, anders als die Alliierten, die Auslandspropaganda vernachlässigt hatte.
Die Broschüren wurden daher in großer Stückzahl über die deutschen Botschaften in den neutral gebliebenen Ländern verbreitet. Es gab auch eine englische Reihe mit plakativen Propagandaschriften. Karikaturen waren als Propagandamittel besonders beliebt, weshalb Epting an die führenden Meister dieser Kunst herantrat, selbst wenn sie notorische Regimegegner waren wie Weber. Durch ihre Arbeit konnten sie sich bewähren, und Weber, der seinen Brief vorsichtig mit "Heil Hitler" unterschrieb und sich auch sonst entgegenkommend zeigte, scheint diesen Wink verstanden zu haben. Der thematische Gleichklang zwischen zahlreichen Titeln der antienglischen Pamphlete ("Bauerntod in England", "Slums, englisches Wohnungselend", "Der ausgestoßene Arbeiter", "Englands Gewaltherrschaft in Irland", "England und die Buren", "Zyperns Leidensweg") und Webers Blättern ist unübersehbar.
Im Falle von Alfred Kubin (1877 bis 1959) hatte Epting weniger Glück. Der Zeichner erteilte ihm am 29. Februar 1940 eine ebenso höfliche wie deutliche Abfuhr. Seine propagandistischen antienglischen Versuche seien unbefriedigend ausgefallen, so daß er alle Blätter vernichtet habe. "Ich bin mit andern künstlerischen Problemen so eingehend beschäftigt, daß alles, was ich daneben anpacke, mißlingen muß. Das beruht bei mir auf einer langen Erfahrung." Auch habe er in vier Jahrzehnten durch ein reichhaltiges Werk unablässig dem Deutschtum gedient, was ihm von aufrechten deutschen Männern bestätigt worden sei. "Ich wäre Ihnen daher herzlich dankbar, wenn Sie mir gestatten würden, auch weiter auf meine eigene Weise durch meine stille Arbeit für alles echt Deutsche zu wirken."
In Webers Namen wurden hingegen mit den "Britischen Blättern" eindeutige Botschaften in die Welt gesandt: "Der Maler A. PAUL WEBER, einer der begabtesten und modernsten Graphiker Europas, hat in diesen großartigen, visionären Blättern nicht bloß lustige oder böse Karikaturen gegen den gemeinsamen Feind Europas, gegen England, gezeichnet, sondern er hat mit dem objektiven und in die Tiefe dringenden Blick des großen Künstlers das wahre Wesen Englands erkannt und dargestellt. Damit erklärt er in der moralischen Weise aller großen Kunst den tiefsten Sinn dieses Krieges, in welchem die Armeen, die Luftwaffen und die Marine der Achsenmächte im Sinne und im Dienst einer hohen menschlichen Gerechtigkeit wirken, wenn sie England zerschlagen, das eine große historische Schuld durch Jahrhunderte auf sich geladen hat, die heute gesühnt wird."
In der Volksausgabe von 1943, kleiner, auf schlechterem Papier gedruckt als die früheren und mit dem erweiterten Untertitel "Ein Künstler entlarvt Englands Verbrechen" versehen, wurden auch die Byron- und Shelley-Verse fortgelassen, die ursprünglich am Anfang und am Ende die Sammlung eingerahmt hatten. Möglich, daß Analogien zu den NS-Hierarchen vermieden werden sollten, möglich auch, daß die Blätter mit aller Wucht des bezeichnenden Bildes unverstellt und unkommentiert sprechen sollten.
Wo Byron in "English Bards and Scotch Reviewers" Albion mit Rom, Athen und Tyrus gleichstellt und ihm nach seiner Größe den unausweichlichen Niedergang prophezeit, ist Shelleys Sonett "England in 1819" noch plastischer: "Staatsmänner, die nichts sehen, fühlen, taugen, / blutegelgleich ihr kraftlos Volk aussaugen, / bis blutberauscht sie sinken in den Staub; / ein Volk auf unbebautem Land verhungernd, / dahingemordet - eine Armee lungernd / nach Freiheitsmord, Gewalt und schnödem Raub, / zweischneidig Schwert für alle an der Macht: / ein Recht von Gold und Blut, das mordend lacht;/ gottlos der Religion versiegelt Buch; / ein Parlament, vergangener Zeiten Fluch: / sind Gräber, daraus uns nach Sturm und Not / aufsteigen wird ein glorreich Morgenrot." Weber sagte England als dem Staat, in dem die Volksfeinde herrschten, den Untergang voraus, fand aber die Bildmotive zur Illustration dieser Prophetie in England selbst, bei einem romantischen Radikalismus, der Zivilisationskritik als politische Agitation betrieben hatte, mit der 1941 vom herrschenden Geschmack in Deutschland goutierten Peitsche.
Was sprach der Rabe zum Weltreich? Nimmermehr. Wenn Shelley das Parlament zur Hölle wünschte, schwebte ihm allerdings nicht Finis Britanniae vor. Die Vision vom Morgenrot eines durch eigene Kraft befreiten Volkes war 1943 inopportun.
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